Bayerische Staatsoper "Mavra" und "Iolanta" im Cuvillièstheater

Der Doppelabend mit "Mavra" und "Iolanta" im Cuvillièstheater. Foto: Wilfried Hösl

Ein Double Feature aus „Mavra“ und „Iolanta“ mit dem Opernstudio im Cuvilliéstheater

 

Eigentlich ist die Idee, zwei Einakter quasi gleichzeitig zu spielen, gewagt bis unverschämt. Man hätte die beiden Opern „Iolanta“ von Peter Tschaikowsky, die anderthalb Stunden dauert, und die nicht einmal dreißig Minuten lange „Mavra“ von Igor Strawinsky auch einfach aufeinander folgen lassen können – wobei sich, zugegeben, ein gewisses Ungleichgewicht ergeben hätte. In dieser Produktion des Opernstudios löst der Regisseur Axel Ranisch dieses Problem anders. Er zerlegt beide Werke und verschränkt sie miteinander. Sobald die lyrische Oper des späten Tschaikowsky in Gang gekommen ist, wird die Groteske des früh-mittleren Strawinsky gleichsam filmisch hart dagegen geschnitten.

Zu solchen Eingriffen sind streng genommen nur die Komponisten selbst berechtigt. In diesem Fall aber kann man dem Regisseur nicht böse sein, weil er aus der Kombination Sinn gewinnt und somit einen interpretatorischen Mehrwert schafft. Strawinskys Komödie wird in phantastischer, krude gebauter Kulisse gegeben, von Sängern, die in grob genähten Kartoffelsäcken als Handpuppen verkleidet sind (Bühne und Kostüme: Falko Herold).

Künstliches Spiel und Menschenwelt

Tschaikowskys Figur Iolanta ist es, die dieses derbe Spiel aufführt. Die blinde Königstochter, von Mirjam Mesak anrührend still gesungen, ist seit Geburt isoliert und lebt ihre erwachende Sexualität aus, in dem sie im Spiel das Dorfmädchen Parascha mit dem als Köchin verkleideten Husaren poussieren lässt: bis hin zum gänzlich unsentimentalen Liebesakt am Küchentisch. Folgerichtig wirkt es dann, wenn sich ihr Träumen in Gestalt des feurigen Tenors Vaudémont (elektrisierend höhenstark: Long Long) erfüllt, der sich gegen ihren traurig besorgten Vater (dramatisch und mit sanfter Tiefe: Markus Suihkonen) erst durchsetzen muss.

Die Rahmenhandlung ist mit geschmackvollen Kostümen in die Zeit des späten 19. Jahrhunderts verlegt. Mit drehbaren Bauten kann rasch zwischen den beiden Dimensionen, dem künstlichen Spiel und der Menschenwelt, gewechselt werden. Eindrucksvoll ist, wie Anna El-Khashem als Parascha und Freddie De Tommaso als Husar Wassili in Puppengestalt agieren und die in den Masken nicht sichtbare Mimik durch ihren lebendigen Gesang ersetzen. Alle jungen Sänger des Opernstudios ergeben ein homogenes Ensemble und empfehlen sich für weitere Aufgaben.

Geschickt reduziert

Auf instrumentaler Ebene setzt sich der Kontrast der beiden kombinierten Werke, die musikgeschichtlich dreißig Jahre auseinanderliegen, reizvoll fort: Das lustige Puppenspiel wird von verkleideten Musikern tänzerisch auf der Bühne begleitet, das zarte Märchen vom Bayerischen Staatsorchester psychologisch sensibel im Graben.

Da das Cuvilliés-Theater für Tschaikowskys symphonische Partitur zu klein ist, wurde die Besetzung besonders in den Blechbläsern geschickt reduziert. Der intimere Klang rückt die kaum gespielte „Iolanta“ überzeugend in die Nähe etwa von Tschaikowskys „Eugen Onegin“, nur in den Höhepunkten vermisst man das Volumen und den Schmelz eines vollen Streicherapparates. Ansonsten jedoch schaltet Alevtina Ioffe am Pult geistesgegenwärtig zwischen den beiden Welten hin und her. Oft spricht sie den Text mit, hat Sänger wie Musiker energisch im Griff und setzt wohlvorbereitete Höhepunkte: Die junge Russin ist eine geborene Operndirigentin.

Das Wagnis, zwei völlig unterschiedliche Stücke zu einem neuen Werk zu verschmelzen: Hier ist's gelungen. Als Freibrief für alle anderen Regisseure darf das nicht verstanden werden. Man muss es schon so intelligent machen wie Axel Ranisch in diesem Ausnahmefall.

Weitere Vorstellungen am 18., 20., 22., 25., 28. April um jeweils 19 Uhr im Cuvilliés-Theater. Die Vorstellungen sind ausverkauft, Restkarten an der Abendkasse

 

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