Bayerische Staatsoper Lotte de Beer über Puccinis "Il trittico"

Die Regisseurin Lotte de Beer. Foto: Wilfried Hösl

Die Hölle, das sind wir selbst: Die Regisseurin Lotte de Beer über ihre Inszenierung von Puccinis „Il trittico“ im Nationaltheater

Die Arie „Il mio babbino caro“ ist einer der größten Puccini-Hits. Er stammt aus „Gianni Schicchi“, dem dritten Teil des Einakter-Tryptichons „Il trittico“, zu dem auch „Il tabarro“ und „Suor Angelica“ gehören. Vor genau 99 Jahren, am 14. Dezember 1918, wurden die drei Opern in der Metropolitan Opera New York uraufgeführt. Ab Sonntag ist die Neuinszenierung von Lotte de Beer im Nationaltheater zu sehen. Kirill Petrenko dirigiert.

AZ: Frau de Beer, Puccinis Dreiteiler besteht aus einer Tragödie, einem lyrisch-verhaltenen Stück und einer derben Komödie. Wie bringt man das zusammen? Muss man das überhaupt?
LOTTE DE BEER: Das war auch für mich die zentrale Frage bei der Vorbereitung. Alle meine Überlegungen, eine Einheit der drei Opern herzustellen, wirkten am Ende auf mich doch artifiziell, bei denen mehr verloren als gewonnen wurde. Es sind drei verschiedene Genres. Die Stücke spielen in drei verschiedenen Zeiten.

Trotzdem: Warum hat Puccini die drei Opern zu einer Einheit zusammengefasst?
„Il tabarro“ ist ein Eifersuchtsdrama, die Geschichte einer unglücklichen Ehe auf einem Seine-Kahn. Dieser Einakter spielt in Puccinis Gegenwart. „Suor Angelica“ erzählt von einer jungen Frau, die im 17. Jahrhundert wegen eines unehelichen Kindes ins Kloster gesteckt wurde. In „Gianni Schicchi“ wird das Testament eines reichen Onkels im mittelalterlichen Florenz korrigiert. Das ist wie eine Zoom-out-Bewegung vom Jetzt in die Vergangenheit.

Gibt es eine Konstante?
Die Menschen bleiben gleich. Alle Figuren wollen glücklich sein, aber sie sind nicht dafür geschaffen, weil ihnen ihre Gier und ihr Egoismus im Weg stehen. So schaffen sie sich ihre eigene Hölle auf Erden. Und in jedem Stück steht der Tod im Zentrum, selbst in der Komödie.

Wie haben Sie das auf der Bühne verwirklicht?
Den menschlichen Herzschlag Puccinis muss man so inszenieren, wie er dasteht. Wir schauen aus einer Welt zwischen Leben und Jenseits auf die Figuren. „Il tabarro“ habe ich realistisch inszeniert, „Suor Angelica“ psychologisch und „Gianni Schicchi“ rhythmisch und übergroß in den Gesten, aber auch historisch im Detail. Die Bühne von Bernhard Hammer steckt das alles in einen riesigen Trichter.

Das Stück ist auch ein großer Luxus: Doppelbesetzungen sind fast unmöglich.
„Il trittico“ ist sehr teuer. Die Bayerische Staatsoper kann das Stück aber problemlos besetzen. Dieser Reichtum an verschiedenen Figuren und Darstellern gehört aber unbedingt dazu.

Trotz Ruth Berghaus: Frauen sind als Opernregisseure immer noch selten.
Als Schülerin von Peter Konwitschny bin ich eine Enkelin von Ruth Berghaus. Noch dominieren die älteren Männer. In meiner Generation und in den Regieklassen sind heute mehr Frauen. Die Revolution wird kommen – auch bei den Dirigentinnen.

Wie kamen Sie selbst zur Regie?
Ich wollte gerne Opernsängerin werden, fühlte mich dabei aber auf der Bühne wie ein Mäuschen, gefangen im Licht. Ich habe immer versucht, den Kollegen bei szenischen Dingen zu helfen, bis ein Lehrer zu mir sagte: „Das ist ein eigenes Fach. Es nennt sich Regie.“ Ich will nicht führen, sondern helfen.

Eine weibliche Annäherung an den Beruf?
Wenn man gut ist, muss man auf Proben nicht brüllen. Dafür ist auch immer weniger Toleranz bei den Sängern vorhanden. Das ist gut so. Und es passt nicht zu mir. Durch Vertrauen und Überzeugen bewirkt man mehr als durch Verängstigung. Daran glaube ich. Robert Braunmüller

Premiere am Sonntag um 18 Uhr im Nationaltheater, ausverkauft. Die Vorstellung am 23. Dezember wird ab 19 Uhr live ins Internet übertragen

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