Bayerische Staatsoper "Les Vêpres siciliennes" - die Nacht der lebenden Toten

Ein Prachtexemplar von Mann, doch leider schon tot: Erwin Schrott als Procida in „Les Vêpres siciliennes“ im Nationaltheater. Foto: Wilfried Hösl

Antú Romero Nunes und Omer Meir Wellber verheben sich im Nationaltheater an „Les Vêpres siciliennes“ von Giuseppe Verdi 

"Drama ist Totenbeschwörung“, hat Heiner Müller mal gesagt. Er war der Hausheilige der Berliner Hochschule Ernst Busch, als Antú Romero Nunes dort vor zehn Jahren sein Regiestudium abschloss. Und so bekommen wir nun Giuseppe Verdis „Les Vêpres siciliennes“ als Totentanz mit lauter ranzigen Heiner-Müller-Assoziationen im Nationaltheater geliefert.

Natürlich passt das Morbide zu einer Oper mit lauter todessüchtigen Figuren. Und der Tod ist nach der im Nationaltheater ausgesparten Mafia auch die zweite Assoziation, die einem beim Schauplatz Sizilien durch die Rübe rauscht. Als dritte folgt das sizilianische Puppenspiel, aus dem Erwin Schrott als Procida direkt auf die Bühne gesprungen ist. In Brokat gehüllt ähnelt er den Katakombenheiligen aus den Altären bayerischer Barockkirchen, was wiederum perfekt zur Allgegenwart des heroischen Ablebens an diesem Abend passt.

Weil wir schon beim Tod sind, bewahrt der Schreckensherrscher Montfort seine verblichene Geliebte in einem Aquarium auf. Vielleicht ist es aber auch die Muttergottes oder ihr Sohn, was assoziativ genauso gut passt. Während der Ouvertüre wurde der in gegenwärtigen Inszenierungen unvermeidliche Migrant mit Schwimmweste angespült, der sich im Verlauf der Handlung als Geist des toten Bruders von Hélène erweist. Der war zwar, wenn man den historischen Hintergrund der Handlung ernst nimmt, ein Österreicher, aber darauf kommt es bei den Schnellschüssen dieser Inszenierung nicht an.

Natürlich spielt alles mehr oder weniger in einem Müllsack – noch so eine unvermeidliche Sizilien-Assoziation (Bühne: Matthias Koch). Nur ist der dramatische Unterhaltungswert von Un- und Scheintoten, wie jeder Kinobesucher weiß, vergleichsweise endlich. Und im Theater gruselt es einen vor Zombies noch weniger. Die schon sehr theoretisch zwischen Rache-Pflicht und Liebesneigung schwankenden Figuren bleiben in dieser Aufführung an der Rampe singende Marionetten. Der Rest ist Gruselkitsch. Zu wenig für einen Verdi, der sich hier weniger kurz fasst als in anderen Opern.

Mit Techno anbiedern

Die Franzosen sind untote Napoleon-Doubles, die aus Müllers Revolutions-Requiem „Der Auftrag“ übriggeblieben sind. Immerhin hat der Regisseur versucht, die Dramaturgie der französischen Grand Opéra dieser Oper durch vermehrte Auftritte der Sol Dance Company anzuverwandeln. Im einzigen halbwegs optimistischen Duett des Liebespaares schweben Akrobaten als Skelette im Bühnenhimmel, wie es auch vor zehn Jahren in Berlin Mode war. Das Ballett aus dem dritten Akt kommt nach dem vierten fragmentarisch als aufblitzende Utopie und wird mit ein bißchen Techno verfremdet, was anno 2018 vor allem anbiedernd wirkt (Sound: Nick & Clemens Prokop).

Musik gibt es übrigens auch. Sie ist nicht zu überhören, weil Omer Meir Wellber dem Bayerischen Staatsorchester mächtig einheizt. Mehr als einmal kommen einem die „Zehn goldenen Regeln für einen jungen Kapellmeister“ von Richard Strauss in den Sinn, die davor warnen, aufmunternd in Richtung Blechbläser zu schauen. Wellber macht schon in der Ouvertüre hörbar, dass die Oper mit einem Massaker enden wird. Das ist gewiss nicht falsch und hat Kraft – aber mehr eine lacklmäßige, die wie ein Elefant durch den Porzellanladen trampelt.

Mit der Schaufel draufgehauen

Dazu passte der Presslufthammergesang, der vordergründig beeindruckt, aber jede Feinzeichnung vermissen lässt. Erwin Schrott wiegt das als Procida mit einem arroganten Charisma auf, das die Grenze zur Selbstparodie streift. Die Damen im Premierenpublikum lagen seiner Mannesmacht zu Füßen und dürften jeden Einwand als Neid weniger gut ausgestatteter Geschlechtsgenossen abtun. Wer den lyrischen Mittelteil der großen Montfort-Szene nur von George Petean gehört hat, kennt sie noch nicht. Da fehlte alles Träumerische, Sehnsüchtige und Verhaltene dieses brutalen Vaters mit einem weichen Kern. Aber als Kraftsänger ist dieser Bariton imponierend.

Bryan Hymel trumpfte als Henri auf, als hätte er Mascagni zu singen. Das hatte seinen Preis: Nach der Pause musste er sich von dem aus der Vorhanggasse singenden Leonardo Caimi vertreten lassen. Der gesündeste Gesang kam von Rachel Willis-Sørensen, die mit der hybriden Rolle der Hélène erstaunlich gut zurechtkam. Aber ihr Sopran ist eher klein und wurde von den auftrumpfenden Herren weggerempelt.

So verdient es ist, dem vernachlässigten französischen Verdi zu seinem Recht zu verhelfen: Etwas französischer, will sagen subtiler, eleganter, ornamentaler sollte damit schon umgegangen werden. „Les Vêpres siciliennes“ sind kein Zombie, auf den man am besten mit der Schaufel draufhaut. Aber vielleicht quält Antú Romero Nunes ja eine heimliche Verwandtschaft mit George A. Romero („Die Nacht der lebenden Toten“).


Nationaltheater, wieder am 15., 18., 22. und 25. März (ausverkauft) sowie am 26. und 29. Juli (Restkarten)

 

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