Bayerische Staatsoper Kreneks "Karl V." im Nationaltheater

"Karl V." in der Bebilderung von La Fura dels Baus im Nationaltheater. Foto: Wilfried Hösl

Akrobaten von La Fura dels Baus peppen Kreneks sperrigen „Karl V.“ auf

Gespart wurde an nichts, weder an Sängern noch an Menschenknäueln und Wasserbecken. Auch die Flugmaschinen sind im Dauerbetrieb. Einmal klettern die Akrobaten von La Fura dels Baus sogar über die Besucher im Parkett des Nationaltheaters. Am Ende starrt der Chor von der ersten Parkettreihe ins Publikum wie am Schluss der „Götterdämmerung“.

Die Bayerische Staatsoper verwandelt Ernst Kreneks „Karl V.“ in ein Riesenspektakel. Die Musik dieses vom Dirigenten Clemens Krauss Anfang der dreißiger Jahre für die Wiener Staatsoper bestellten, nach der politisch motivierten Absage erst 1938 in Prag uraufgeführten Geschichtspanoramas ist bunter wie vieles von Arnold Schönberg oder der dritte Akt von Alban Bergs „Lulu“. Aber es hilft nichts: „Karl V.“ bleibt Schulfunk mit Zwölftonmusik.

Krenek flüchtete vor dem aufkommenden Nationalsozialismus in einem universalen Katholizismus. Den sah er im spanischen Habsburger Karl V. verkörpert, in dessen Weltreich die Sonne nicht unterging. Aber der Kaiser scheitert am wortbrüchigen französischen König Franz I. und an den bockigen Anhängern der Reformation, die Deutsche sein und nicht Weltbürger werden wollen.

Der Regisseur Carlus Padrissa verkniff sich historische Kostüme ebenso wie jede Aktualisierung des Stoffs. Das ist auch gut so, weil den von Krenek hier kultivierten Europagedanken viel mit der französischen „Renouveau catholique“ und der „Inneren Emigration“ vergessener deutscher Schriftsteller wie Reinhold Schneider verbindet. Dem 21. Jahrhundert hat diese ästhetisierende Verklärung Spaniens und eine etwas billige Kritik am Vernunftgebrauch kaum mehr etwas zu sagen.

Schulfunk mit Zwöflton

Padrissa erklärt nichts. Er bebildert. Das unternimmt er mit den bewährten Mitteln von La Fura dels Baus: per Video belebten Gemälden, Projektionen, Akrobaten, fahrbaren manieristischen Objekten und einem Wasserbecken, das womöglich den menschlichen Sumpf unter der hochtönenen Geschichtsphilosophie darstellt, vielleicht aber auch nur um der Spiegelungen willen die Bühne unter flaches Wasser setzt.

Dem Protagonisten Bo Skovhus gönnen weder die Musik noch die Inszenierung eine Pause. Der dänische Bariton singt klar, kernig und sehr textverständlich. Er ist ein vergleichsweise junger, mehr schlecht gelaunter als melancholischer Kaiser. Die Ausstatterin Lita Cabellut lässt ihn aussehen wie eine Mischung aus König Ubu und Sascha Lobo, ohne dass beides zur Klärung wesentlich beiträgt. Obwohl sich Skovhus mit Totaleinsatz auf die Rolle stürzt, rührt einen sein Scheitern keine Sekunde: Bei Krenek bleibt er Verlautbarungsorgan einer verstaubten Geschichtsphilosophie ohne menschliche Züge.

Die Musik ist trotz ihrer strengen Ordnungsprinzipien unglaublich farbig. In einer Szene am französischen Hof steigern Saxofone den Festglanz. Klarinetten kommentieren Politisches höhnisch und schrill, das Schlagzeug klappert unentwegt Totentänze. Den zweiten Teil eröffnet ein lyrisch-nervöses Zwischenspiel. Dann verfinstert die Tuba den herrscherlichen Prunk. Und am Ende schlagen die Uhren wie in „Boris Godunow“, bis nur noch ein fahler Streicherklang übrigbleibt und der Kaiser in die Ewigkeit eingegangen ist.

Raschelndes Papier

Das Bayerische Staatsorchester bringt das unter Erik Nielsen so transparent heraus, als würde es eine ganze Spielzeit lang nur Krenek spielen. Auch für die Sänger ist vieles überaus dankbar. Karls Gattin Isabella (Anne Schwanewilms) hat eine kleine glitzernde Arie zu singen. Wolfgang Ablinger-Sperrhacke darf als Franz I. tenoral gleißen. Luther (Michael Kraus) schimpft markig und heldenbaritonal. Dass er in dieser Aufführung mit Barett und im Schlafrock eher an Richard Wagner erinnert, passt zur Charakterisierung des Reformators, in dem laut Krenek Finsteres gärte, mit dem er Dunkles im deutschen Wesen wachzurufen verstand.

Das Problem dieser Oper ist das raschelnde Papier historischer Bildung und das ewige, wenngleich in dieser Aufführung menschenfreundlich eingedämmte Gerede geistlicher Herren. Da wähnt man sich rasch wie in einer gesprochenen Fassung von Pfitzners „Palestrina“, weil Krenek die Musik allzu schnell abwürgt, um zur nächsten Episode zu eilen. Das opernhaft Allzumenschliche interessiert ihn ohnehin nur, wenn es zum Exempel taugt.
Da kann auch eine Inszenierung wenig ausrichten. Leider wird das Sprechen wieder einmal auch nur technisch verstärkt, anstatt die Verstärkung wie im Sprechtheater künstlerisch zu nutzen.

Eine gewisse Leidensbereitschaft und historisches Interesse sollte der Zuschauer schon mitbringen. Ein großartiges, bis in kleinste Rollen perfekt ausgesuchtes Sänger-Ensemble und ein famoses Orchester sind der Lohn für die Mühe. Denn zu sehen gibt es viel. Es ist die aufwendigste, nobelste Ehrenrettung, die diesem zwar interessanten, aber auch sperrigem Werk jemals zuteil wurde.

Wieder am 13., 16., 21. und 23. Februar im Nationaltheater, Karten vorhanden. Die Vorstellung am 23. Februar ab 19 Uhr auch als Livestream auf www.staatsoper.tv
 

 

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