Bayerische Staatsoper Kirill Petrenko dirigiert "Lady Macbeth von Mzensk" im Nationalheater

Dmitri Schostakowitschs Oper "Lady Macbeth von Mzensk" im Nationaltheater. Foto: Wilfried Hösl

Harry Kupfer und Kirill Petrenko bringen im Nationaltheater Dmitri Schostakowitschs Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ neu heraus

MÜNCHEN - Kaum ist der schwächliche Kaufmann vom Hof, fallen die Arbeiter über die Köchin her. Im Libretto ist von Blutergüssen auf den Brüsten die Rede. Ein ruppiger Scherz ist das nicht mehr, vielmehr eine gerade noch verhinderte Gruppenvergewaltigung. Heike Grötzinger gibt die arme Axinja nicht als Figur, sondern macht mit ihrem klagenden Sopran die Angst und den Schmerz des geschundenen Leibes erfahrbar.

Hier öffnet sich ein Riss zwischen Musik und Inszenierung. Denn tatsächlich dargestellt wird auf der Bühne des Nationaltheaters nur eine gutmütige Balgerei. Dass die Kleider der Köchin zerrissen wurden, dass sie schwer gedemütigt wurde, sieht man nicht.
Diese Verharmlosung einer arg verstörenden Szene ist symptomatisch für Harry Kupfers Inszenierung der „Lady Macbeth von Mzensk“ von Dmitri Schostakowitsch. Auch in der Schlüsselszene des Stückes, dem so brachialen wie befreienden Liebesakt Katerinas und Sergejs, bleiben die Kleider an (Kostüme: Yan Tax). Natürlich braucht es hier keine frontale Nacktheit, doch mit ein paar Verrenkungen (einmal ist er oben, einmal sie, immer betulich bis verschämt in voller Montur) wird man diesem Naturereignis nicht gerecht.

Komponierte Pornografie

Schließlich zündet dieser außereheliche Sex nicht nur die Kettenreaktion der darauffolgenden Missetaten. Er bildet die Titelheldin auch erst zu einem echten Menschen mit all seiner mörderischen Leidenschaft aus. Der Komponist lässt keine Zweifel daran aufkommen, wie tierisch es hier abgeht. Er schilderte den Akt durch den brutalen Geschwindmarsch einer Blaskapelle mitsamt dem Pennälerwitz einer schließlich erschlaffend glissandierenden Posaune.

Sexualität findet in dieser Oper nur im Grenzbereich zwischen Pornografie und Gewalt statt. Dieser auch heute noch bestürzenden Radikalität muss sich die Kunst der Regie stellen, und dies nicht nur, weil sie sonst gegenüber derjenigen der Musik unterzugehen droht – während oben verdruckst geturnt wird, zeigt Kirill Petrenko unten im Orchestergraben den Trompetern mit lustvoll gefletschten Zähnen, wie hart gestoßen er die Rhythmen haben will.

Modernes Meisterwerk

Dass sie die Frechheit dieser modernen „Lady Macbeth“, wenn schon nicht modernisiert, so doch wenigstens nicht verharmlost, kann man von der Regie sogar richtiggehend einfordern. Denn der Komponist Dmitri Schostakowitsch selbst musste unter Stalin mit seiner eigenen Person für dieses Meisterwerk leiden, er befand sich nicht nur einmal in akuter Gefahr für Leib und Leben.

In diesem biografischen Zusammenhang wirkt der Industrie-Chic der riesigen Lagerhalle mit ihren verwinkelten Eisengerüsten, in welcher die ersten Akte spielen, gleich weniger eindrucksvoll (Bühne: Hans Schavernoch).
Zu ästhetisch, zu geschmäcklerisch dies alles. Unklar bleibt auch, warum Katerina, die doch eigentlich eher in einem goldenen Käfig gefangen ist, in einen schäbigen Bretterverschlag gesperrt wurde, wenngleich dieser, für alle ständig sichtbar, gleichzeitig auch ein nachvollziehbares Symbol für Katerinas erstickende Situation ist.

Für die Hochzeitsszene ist die Rückwand der Halle abgesprengt, ein umwölkter Himmel verspricht Freiheit. Dieser wird flugs mit lustigen Musikanten bevölkert, die von einem surrealistischen Gemälde entsprungen zu sein scheinen. Die Feiergesellschaft friert ein, während die Polizisten aus dem Bühnenuntergrund fahren; die Wachtmeister werden auf Schreibtischstühlen herumgeschoben. Es sind solche pittoresken Einfälle, welche die Tragödie, die Schostakowitsch realistisch menschlich wie tragisch überhöhend komponierte, verniedlichen.

Im Gesang selbst finden keine Halbherzigkeiten statt. Bis in die Nebenrollen hinein ist dieses Ensemble exquisit besetzt. Allerdings schnarrt Alexander Tsymbalyuk als Polizeichef mit seinem Bass bedrohlicher als er sich auf dem Bürostuhl dreht. Goran Juric hätte als Pope die Wodkaflasche nicht gebraucht, um rein stimmlich einen verkommenen Kirchenmann darzustellen. In Kevin Conners’ Charaktertenor in der Rolle des Schäbigen drückt sich mehr Komik aus als in den abgestandenen Gesten, mit denen er seine Trunkenheit spielt. Blass bleibt auch Sergey Skorokhodov als Sinowi, obwohl sein Tenor dem des ehebrecherischen Rivalen in nichts nachsteht. Dafür erhält der von Sören Eckhoff prachtvoll einstudierte Staatsopernchor ein Gewicht, das ihm zu selten zukommt.

Mitfühlende, böse Menschen

Misha Didyk liefert ein wahres Kabinettstück ab, weil er den Verführer Sergej mit höhenstarkem, fein timbriertem Tenor artikuliert und doch mit der komisch gesungenen sittlichen Verkommenheit jegliche Sympathien von ihm fernhält.
Anatoli Kotscherga ist als übergriffiger Schwiegervater Boris auch baritonal schon ein wenig gealtert, besonders in der Tiefe. Würde er in der Szene, in der er Sergej verprügelt, nicht so müde peitschen, könnte man ihn mehr hassen. Die unheilvolle Dynamik, welche die Beziehung zwischen Boris und Katerina bestimmt, kann sich nicht voll entfalten.

Anja Kampe in der Titelrolle steht somit umso isolierter im Mittelpunkt. Besonders in den Monologen ist es ihr mit ihrem bei aller Expressivität natürlichen und anmutigen Sopran gegeben, einen echten, fühlenden Menschen inmitten all der Bosheit aufleuchten zu lassen. Ihre Verkörperung ist sicherlich eine der anrührendsten der jüngeren Rollengeschichte.

Auf Krawall gebürstet

Gewalt, Pornografie, tierische Sexualität – was die Inszenierung unter den Tisch fallen lässt, drängt umso unaufhaltsamer aus dem Orchestergraben empor. Hier findet die eigentliche Radikalität des Stückes statt, weil Kirill Petrenko die Schärfen des Komponierten schonungslos realisiert, so unwiderstehlich auf Krawall gebürstet, wie es einem Generalmusikdirektor fast schon nicht mehr geziemt.

Doch mehr noch, Petrenko trifft in jeder einzelnen Szene genau deren bestimmende Affektfärbung, ob diese nun Langeweile oder Misstrauen, Gewalt, Hoffnungslosigkeit oder Liebesbedürfnis heißt. Es sind die grandiosen Instrumentalisten des Bayerischen Staatsorchesters, die dieser Oper jenen Skandal wiedergeben, für die ihr Schöpfer so leiden musste.

Die Folgevorstellungen sind bereits ausverkauft. Die Aufführung am 4. Dezember als Livestream unter www.staatsoper.de/tv im Internet

 

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