Bayerische Staatsoper Kirill Petrenko dirigiert für König Ludwig II.

Wie in einer Separatvorstellung für den Märchenkönig: Kirill Petrenko dirigiert für 100 Zuschauer. Foto: Wilfried Hösl

Die Staatsoper beendet die Saison mit einem Konzert des Bayerischen Staatsorchesters unter Kirill Petrenko im Nationaltheater

 

Vor 110 Jahren schlug die Stunde des Maximalaufwands. Gustav Mahler komponierte die „Symphonie der Tausend“, Arnold Schönberg dürstete nach ähnlich vielen Mitwirkenden in den „Gurreliedern“, Richard Strauss erreichte in „Elektra“ und der „Alpensinfonie“ sein orchestrales Maximum mit knapp 120 Mitwirkenden. Mehr oder weniger gleichzeitig entdeckten Schönberg und Strauss aber den reizvollen Klang kammermusikalischer Besetzungen, kleinerer Formate und orchestraler Verdichtung.

Kirill Petrenko, der im Juni eigentlich Mahlers kolossale Achte dirigieren wollte, stellte nun ein coronabedingtes und gleichzeitig dramaturgisch sinniges Programm kleiner besetzter Orchesterwerke zusammen, mit dem sich die Bayerische Staatsoper in die Theaterferien verabschiedete.

Oberbayerische Hausmusik

Am Beginn stand Schönbergs Kammersinfonie Nr. 1 für 15 Solo-Instrumente, die – wie die Werke von Richard Strauss – eigentlich zur oberbayerischen Hausmusik im weiteren Sinn zählen müsste, weil sie 1906 in Rottach-Egern fertiggestellt wurde.

Für das klanglich heikle Werk versammelte Petrenko den Nachwuchs des Staatsorchesters, die Orchesterakademie auf der Fläche des kürzlich erweiterten Orchestergrabens im Nationaltheater. Eine richtige Entscheidung, denn Schönbergs in expressionisch grellen Farben schillerndes Werk braucht Direktheit. Wie in fast jeder Aufführung hatten auch hier die Streicher etwas Mühe, sich gegen die Bläser durchzusetzen. Aber es gelang eine vitale, heftige, das Grelle nicht verschmähende Realisierung dieses musikalischen Gegenstücks zur Buntheit der Bilder des „Blauen Reiters“.

Den übrigen Abend bestritt das Bayerische Staatsorchester in der üblichen Konzertaufstellung auf der Bühne des Nationaltheaters. Das führte ein wenig dazu, dass die Schärfe der kleinen Besetzung in Igor Strawinskys „Pulcinella“-Suite und dem „Bürger als Edelmann“ von Richard Strauss ein wenig im Weichzeichner des großen Raums verschwamm.

Strauss und Strawinsky als Nachbarn

Aber die Kombination beider Werke ist ausgesprochen reizvoll, weil sich Strauss im „Auftritt des Fechtmeisters“ und Strawinsky im Vivo-Satz der „Pulcinella“-Suite bei den grotesken Soli der Blechbläser in einer Weise nahekommen, die wirklich überrascht. Und ganz am Ende gelingt es Strauss wie in „Ariadne auf Naxos“, etwa 40 Musiker wie ein Riesenorchester rauschen zu lassen.

Dazwischen gab es noch ein sehr edles Kabinettstück: Jonas Kaufmann sang Mahlers „Lieder eines fahrenden Gesellen“ in einer Bearbeitung Schönbergs für kleine Besetzung. Den wilde Expressionismus von „Ich hatt’ ein glühend Messer“ arbeitet diese Version besonders gut heraus. In diesem Lied beeindruckte Kaufmann mit Kraft, die anderen Stücke sang er mit gehauchter Kopfstimme, perfekt passend zu den subtilen Klangmischungen aus Flöte, Harmonium und Klavier.

Viele Zuhörer im Internet

Wenn man die wechselnden Besetzungen des Orchesters und die Bühnenmannschaft für die ausgedehnten Umbauten zusammenrechnet, dürfte man auf knapp 100 Mitwirkende kommen. Sie entsprachen ziemlich exakt den 100 zugelassenen Zuhörern, die sich in den Rängen des Nationaltheaters wie der menschenscheue König Ludwig II. bei einer Separatvorstellung fühlen durften.

Im Internet waren allerdings erheblich mehr Leute dabei. Den Stream verfolgten live (und weltweit) 36 000 Zuschauer. Bei allen 13 Montagskonzerten seit März waren es insgesamt knapp über 300 000. Diese Zahl an Besuchern hätte knapp 150-mal für ein ausverkauftes Nationaltheater gesorgt. Eine Zahl, die man sich für den Fall merken sollte, dass wieder jemand über das nachlassende Interesse an klassischer Musik klagt.

 

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