Bayerische Staatsoper Jonas Kaufmann als Siegmund in der "Walküre"

Die Todverkündigung: Anja Kampe (Sieglinde, am Boden), Nina Stemme (Brünnhilde) und Jonas Kaufmann (Siegmund) in der „Walküre“. Foto: Wilfried Hösl

Opernfestspiele: Jonas Kaufmann als Siegmund in der „Walküre“ im Nationaltheater

Rein stimmlich ist Jonas Kaufmann eine Idealbesetzung für die Rolle des Siegmund, dem Vater und tenoralen Vorfahren Siegfrieds. Auch aus der Vergangenheit fallen einem nicht viele Sänger ein, die zusätzlich zur geforderten Ausdauer in der Höhe noch ein derart schönes, dunkel glänzendes Timbre einbrachten. Dazu kommt eine baritonale Substanz, die zunehmend gewichtiger wird und dieser schwierigen Rolle seltene Gerechtigkeit widerfahren lässt.

Einzig bedauerlich ist, dass Kaufmann so wenig gestaltet, besonders die Zustände von Erregung und Verzweiflung, die diese Partie prägen. Er konzentriert sich ganz auf den makellosen Gesang, setzt aber der Deklamation, die so unbewegt bleibt wie sein mürrisches, mechanisches Spiel, kaum Glanzlichter auf. Selbst die eindrucksvoll lang und heldisch gehaltenen „Wälse“-Rufe muten seltsam unbetroffen an.

Man kann wohl nicht alles haben – und muss dazu einräumen, dass seine Partner im Kammerspiel des ersten Aktes besonders gegenwärtig sind: Anja Kampe als Sieglinde realisiert mit ihrer atmenden Diktion jede sprachliche Nuance, während Ain Anger als Hunding Augenrollen und Zähnefletschen allein durch die Naturgewalt seines Basses ausdrückt.

Anheimelnd belkantistisch

Zu einem der Höhepunkte dieser Aufführung gerät Kaufmanns Schlussszene, wenn er der todbringenden Walküre ruhige Klarheit und leise Entschlossenheit entgegensetzt. Er schafft hier einen effektvollen Gegensatz zu dem dramatischen Hochdruck von Nina Stemme als Brünnhilde, die an diesem Abend ein wenig mit einem steifen Ansatz in der Höhe zu tun hat. Möglicherweise hängt das an diesem feuchten Sommertag mit der Witterung zusammen, die in der Bayerischen Staatsoper herrscht.

Dafür spräche, dass auch Wolfgang Koch, ohnehin ein weicher Wotan, der auf bassbaritonale Kultiviertheit setzt, am Ende des zweiten Aktes ermattet wirkt. Er hat sich aber nach der Pause hörbar erholt.

Die Entdeckung dieses Ensembles ist Ekaterina Gubanova als Fricka, welche die spielverderberische Figur so anheimelnd belkantistisch anlegt, dass man ihr nicht nur das Gekeife verzeiht, sondern nachvollziehen kann, warum sich Wotan einst in sie verliebt haben muss. Eine Klasse für sich sind die acht Walküren, die jede für sich als individuelle Personen greifbar werden und sich gleichzeitig in den heiklen Ensembles zu ohrenbetäubender Schlagkraft vereinen können.

Womit wir schließlich bei Kirill Petrenko wären. Er hat diese Partitur verinnerlicht hat wie kein Zweiter. Seine Fähigkeit, die einzelnen Akte unter große Bögen zu spannen, wurde schon des Öfteren beschrieben, doch er wächst immer noch über sich selbst hinaus. Mit jeder Aufführung gibt er sowohl den Sängern als auch dem Bayerischen Staatsorchester wie nebenbei immer und immer mehr Details vor, bis hin zu Crescendi und Decrescendi einzelner Instrumente. Wenn man ihn dann selbstvergessen lächeln sieht, hofft man inständig, dass er bei den Berliner Philharmonikern, die er nächstes Jahr als Chefdirigent übernimmt, ähnlich glücklich werden wird.

 

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