Bayerische Staatsoper Johannes Erath über Verdis "I masnadieri" im Nationaltheater

Ein tödliches Familiendrama: Charles Castronovo und Diana Damrau (hinten) mit ihrem jüngeren Selbst in Johannes Eraths Inszenierung. Foto: Wilfried Hösl

Johannes Erath über seine Inszenierung von Giuseppe Verdis „I masnadieri“, die am Sonntag im Nationaltheater herauskommt

 

"Aroldo“ und „Alzira“ werden noch seltener gespielt. Aber „I masnadieri“ zählen auf jeden Fall zu den unbekannteren Verdi-Opern. Ab Sonntag ist diese 1847 in London uraufgeführte Vertonung von Schillers „Räubern“ zum ersten Mal im Nationaltheater zu sehen. Diana Damrau gibt ihr Bühnendebüt als Amalia, Michele Mariotti dirigiert und die Inszenierung stammt von Johannes Erath.

AZ: Herr Erath, der Anfang von „I masnadieri“ lässt weniger an Schillers „Räuber“ denken und auch nicht an eine italienische Oper, sondern eher an ein Cellokonzert. Was fängt man als Regisseur damit an?
JOHANNES ERATH: Das war auch für mich das Erste, bei dem ich hängengeblieben bin. Das ist bei Verdi – abgesehen von einem langen Violinsolo in „Jérusalem“ ziemlich einmalig.

Verdi soll mit dem Cellisten des Orchesters befreundet gewesen sein.
Wir haben das Cello-Solo als Angelpunkt für den Familienkonflikt genommen, der bei Verdis „I masnadieri“ im Vordergrund steht. Wir gehen davon aus, dass dieser Konflikt mit einer großen Leerstelle in dieser Oper zu tun: der Mutter, die unserer Meinung nach bei der Geburt des zweiten Sohnes der Familie Moor gestorben ist und Cellistin war. Das Cello ist vielleicht das sinnlichste Instrument, in Form und Klang.

Welche Folgen hatte ihr Tod in Ihrer Sicht?
Carlo und Francesco spiegeln die Geschichte von Kain und Abel. Der eine wird geliebt, der andere hat einen Makel. Der eine ist ein Bauchmensch geworden, der andere ein Kopfmensch. Beide buhlen um die Anerkennung ihres Vaters.

In der Oper ist Amalia wichtiger als bei Schiller.
Sie muss die Lücke der fehlenden Mutter schließen und wird deshalb von Francesco, Carlo und auch von Massimiliano emotional missbraucht und zerrieben. Alle drei benutzen sie. Francesco weiß, dass er sie – trotz eines gemeinsamen Duetts – nicht liebt und nur besitzen will, weil auch sein Bruder sie vermeintlich begehrt. Die beiden spielen immer nur über Bande und kommunizieren über Briefe. Das ist ein großer Graben, der auch heute in Familien vorkommen kann.

Bei „I masnadieri“ stellt sich unvermeidlich die Frage, wie viel diese Oper noch mit Schiller zu tun hat.
Die politische Dimension spielt eine geringe Rolle. Wir befinden uns in einem Seelenraum, in dem sich die Figuren gefangen fühlen und Rücken an Rücken berühren, weil sich die Extreme anziehen. Die Arien handeln viel von innerem Schmerz und dem Wunsch, irgendwo zugehörig zu sein. Und der Herrenchor stellt trotz einer auch auf Italienisch rotzigen Sprache nie eine pubertäre Jugendbande dar – er ist immer schön und nicht vulgär wie bei Schiller. Außerdem hören alle Figuren Stimmen oder träumen. Es stellt sich auch die Frage, wie real diese meist aus dem Off erklingenden Chorstimmen überhaupt sind.

Das klingt alles sehr interessant, aber gibt es nicht doch einen Grund, wieso diese Oper so selten gespielt wird?
In „I masnadieri“ gibt es viel tolle Musik mit großartigem Impetus. Aber es ist mehr eine Abfolge von Tableaus ohne die Stringenz von „Un ballo in maschera“ oder „Don Carlo“. Und die Menschen reden sehr viel aneinander vorbei. Viele Szenen verbinden eine Bitternis mit Leichtigkeit, und diese fehlende Eindeutigkeit macht es dem Zuschauer bisweilen schwer. Hier ist nichts eindeutig schwarz oder weiß, alles entgleitet.

Sie haben im Theater als Geiger angefangen – ein ungewöhnlicher Weg.
Mich hat Theater schon als Kind fasziniert. Später wollte ich unbedingt in ein Opernorchester. Aber da fehlte mir die Verbindung von Auge und Ohr. Aber durch das Studium eines Instruments bekommt man eine hohe Frustrationstoleranz und lernt, nach einem Scheitern weiter zu machen.

Aus einem Reclamheft müssen Sie jedenfalls nicht inszenieren.
Ich denke und atme in musikalischen Phrasen und würde nie von einem Sänger verlangen, dagegen zu agieren. Manchmal ist die Zusammenarbeit mit dem Dirigenten auch einfacher. Aber die Fähigkeit, Noten lesen zu können, ist beim Inszenieren schon von Vorteil. Viele Regisseure, die vom Schauspiel kommen, haben aber einen guten Instinkt.

Sie inszenieren viel zeitgenössische Werke, aber kein Sprechtheater.
Bisher nicht. Ich habe einen großen Respekt dem Schauspiel gegenüber, scheint mir aber ein anderes Metier zu sein. An der Oper finde ich spannend, dass wir die Zeit langsamer oder schneller laufenlassen und manchmal sogar zum Stehen bringen können. Ich habe eine große Sehnsucht nach Momenten, die abheben. Deshalb ist die Oper schon der richtige Platz für mich.

Premiere am Sonntag, 18 Uhr, teure Restkarten. Auch am 11., 14., 18., 22., 26. und 29. März, Karten unter Telefon 2185 1920

 

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