Bayerische Staatsoper "Jedermann" mit Michael Nagy und Nikolaus Bachler

Nikolaus Bachler liest Philip Roth. Foto: Wilfried Hösl

Sechs Monologe aus „Jedermann“ von Frank Martin mit dem Bariton Michael Nagy im Nationaltheater

 

Im Moment muss man Widersprüche aushalten. Am Königsplatz, am Kölner Rheinufer und am Berliner Alexanderplatz demonstrieren Tausende für eine gute Sache. Ins Nationaltheater dürfen keine 30 Leute, sie sitzen mit großem Abstand auf einer riesigen Bühne unter dem 25 Meter hohen Schnürboden mit Blick auf den leeren Zuschauerraum. Und weil zuletzt aus dem Publikum Bedenken angemeldet wurden, durften diesmal – anders als bei den Munich Opera Horns auf der Unterbühne – nicht einmal die Masken abgenommen werden.

Aber eigentlich passte das zum „Jedermann“-Stoff, der hier in einer szenischen Einrichtung von Andreas Weirich verhandelt wurde. Man wohnte, je nach weltanschaulicher Einstellung sozusagen vom Fegefeuer aus, als Gespenst oder womöglich auch aus dem Nichts dem Sterben des reichen Mannes bei. Und zwar kompakt, ohne Buhlschaft und Tischgesellschaft, aber gerade deshalb womöglich überzeugender als bei der Traditionsveranstaltung auf dem Salzburger Domplatz.

Pathos der Nüchternheit

Das war nicht zuletzt ein Verdienst von Nikolaus Bachler. Der holte mit zwei Auszügen aus dem 2006 erschienenen und zu Unrecht schon wieder vergessenen „Jedermann“-Roman von Philip Roth den Stoff in die Gegenwart. Hier verabschiedet sich ein zweimal geschiedener New Yorker Pensionär in Vollnarkose aus der Welt – während einer Routineoperation.

Bachler las mit dem beiläufigen Pathos der Nüchternheit und einer Beimischung von fünf Prozent Ironie. Die bildete den Kontrast zu den todernsten „Jedermann“-Monologen Hugo von Hofmannsthals, die Frank Martin 1943 für Stimme und Klavier vertonte: eine wuchtige, in Granit gehauene Musik, die den Knittelversen das Ornament abschlägt und einen starken Interpreten mit nicht weniger starker Stimme verlangt.

Michael Nagy hat beides: Kraft und Intensität. Und er kann mit einer lyrisch grundierten Stimme dem bitteren Dauerforte einen Reichtum von Nuancen entlocken und mit feinsten Schattierungen den psychologischen Prozess verdeutlichen, der in sechs Liedern von der Todesangst über die Reue bis zur Ahnung von Erlösung führt. Die Pianistin Sophie Reynaud begleitet ihn dabei mit markanten Akkorden.

Auf die Essenz verdichtet

Zwischen den Liedern sprach eine Männerstimme weitere Hofmannsthal-Verse. Die Geldkiste verwandelte sich in den Sarg voller Staub, die Einsamkeit des reichen Mannes verdeutlichten Schaufensterpuppen in Jürgen Roses Bühnenbild zur „Zauberflöte“ auf der plötzlich geöffneten Seiten- und Hinterbühne. Weirichs szenische Einrichtung spielte womöglich zu viel mit dem Licht im Zuschauerraum. Aber es hat natürlich was, mit den Leuchtern an den Rängen am Ende einen verklärenden Sternenhimmel zu simulieren.

Da wird die Musik von Martin für Momente zart. Auch wenn die Beschwörung der Endlichkeit jahreszeitlich besser zum Totensonntag oder Allerheiligen gepasst hätte als in den Frühsommer, ging man bewegt in den Regen hinaus, voller Vorfreude auf die „Vögel“ von Walter Braunfels mit Nagy als Ratefreund. Und nicht nur bereichert um die Ahnung des Endlichen, sondern auch darin, dass sich dem für verschlissen gehaltenen „Jedermann“ doch manches abringen lässt. Und das ist nicht zuletzt ein Verdienst dieser eher selten gesungenen Lieder von Frank Martin, die Hofmannsthals Text auf ihre Essenz verdichten.

Die Reihe „Fester Samstag“ wird am 14. Juni mit den „Eight Songs for a Mad King“ von den Peter Maxwell Davies fortgesetzt, Infos unter staatsoper.de

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading