Bayerische Staatsoper Harry Kupfer über "Lady Macbeth vom Mzensk"

Der Regisseur Harry Kupfer. Foto: dpa

Ein Urgestein des Regietheaters: Der 81-jährige Harry Kupfer inszeniert die Oper von Dmitri Schostakowitsch im Nationaltheater

 

MÜNCHEN - Mit der 1934 uraufgeführten Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ verscherzte sich Dmitri Schostakowitsch zeitweise die Gunst des Diktators Josef Stalin und der sowjetischen Kulturfunktionäre. Harry Kupfer inszeniert sie an der Bayerischen Staatsoper, Dirigent der Neuproduktion ist Kirill Petrenko.

AZ: Herr Kupfer, Leichen pflastern den Weg der Hauptfigur. Ist Katharina nur Täterin wie Shakespeares Lady Macbeth – oder auch Opfer?
HARRY KUPFER: Sie kommt aus der Unterschicht. Katharina hat versucht, durch die Heirat mit einem Kaufmann aufzusteigen. Sie glaubt, auf Liebe gestoßen zu sein, weil ihr Mann die Verbindung gegen den Widerstand seiner Familie durchgesetzt hat.

Diese Familie ist aber die Hölle – und der Schwiegervater ein Voyeur und Sadist.
Im alten Russland setzte sich die Despotie vom Zaren ganz oben bis zur kleinsten Zelle, der Familie durch. Boris, der Schwiegervater, ist ein Despot. Der einzige Sinn, der einer Frau in dieser Gesellschaft zugestanden wurde, ist das Gebären eines Erben. Das ist es, wo Katharina versagt. Und so führt sie ein sinnloses, langweiliges Leben.

Reicht das als Rechtfertigung für zwei Morde?
Katharina ist eine leidenschaftliche, sinnliche Frau, unerfüllt ihn ihrem sexuellen Leben. Sie gerät an den falschen Mann, ein Karrierist, der mit dieser Hochzeit in den nächsthöheren Stand gelangen will. Katharina denkt, sich durch die Beseitigung des Großvaters und ihres Ehemanns befreien zu können.

Am Ende begeht sie Selbstmord.
Sie erkennt ihre Schuld und liefert sich aus. Damit macht sie einen Teil ihrer Verbrechen gut. Das ist ein häufiges Motiv in der russischen Literatur: Denken Sie etwa in Ostrowskys „Gewitter“, das Leoš Janáčeks Oper „Katja Kabanova“ zugrunde liegt. Der Literaturtheoretiker und Philosoph Nikolai Alexandrowitsch Dobroljubow nannte den Selbstmord dieser anderen Katja „einen Lichtstrahl im finsteren Reich“. So verstehe ich auch den Schluss von Schostakowitschs Oper: Durch den Selbstmord und die Sühne Katharinas wird die Despotie angekratzt.

Sie stürzt sich in den Fluss und nimmt dabei noch die neue Geliebte ihres Mannes mit. Ich sehe da wenig Licht.
Der Schluss ist so brutal, gemein und hinterhältig – wie die ganze Oper und die dort dargestellte Gesellschaft und Umwelt.

Mir ist „Lady Macbeth von Mzenk“ suspekt. In der Zeit, als Schostakowitsch die Oper komponierte, rottete Stalin im Zug der sogenannten „Kulakenverfolgung“ die wohlhabenden Bauern aus, deren Milieu in dieser Oper als besonders übel dargestellt wird.
Es gibt einen Musikwissenschaftler, der diesen Zusammenhang hergestellt hat. Aber ich halte das für Unsinn. Natürlich spiegelt dieses Werk das Unbehagen an diese Zeit des Terrors und der Schauprozesse verschlüsselt wieder, als jeder damit rechnen musste, denunziert, verhaftet und hingerichtet zu werden.

Schostakowitsch unterstreicht das Unheimliche durch groteske und komische Szenen.
Wahrscheinlich ließ sich diese Zeit nur so ertragen. Seine „Leningrader Symphonie“ bezieht sich sicher nicht nur auf die Belagerung durch die Deutschen, sondern auch auf den Stalinismus. Mit solchen Mitteln hat Schostakowitsch sein Unbehagen abreagiert.

Die Oper ist berühmt wegen ihrer Sex-Szene. Muss die Inszenierung alles zeigen, was die Musik sagt?
Unbedingt. Aber darüber kann man nicht diskutieren. Schauen Sie es sich an.

Viele heutige Opernregisseure kommen vom Schauspiel. Hat Sprechtheater Sie nie gereizt?
Mir fällt immer nur etwas ein, wenn ich Musik dabei habe. Da steigen dann sofort konkrete Vorstellungen und Bilder in meinem Inneren auf. Ich hatte diverse Angebote, aber ich habe immer damit gedroht, so viel Musik zu unterlegen, dass die Aufführung acht Stunden dauert.

Konnte Sie kein Dramatiker locken?
Tschechow hat mich sehr interessiert, wegen der inneren Musikalität dieser Stücke. Aber ich habe lieber die Finger davon gelassen.

Sie sind ein Urgestein des Regietheaters. Mögen Sie die Arbeiten Ihrer jüngeren Kollegen?
Vieles ist da eine Fehlentwicklung. Wenn ich merke, dass sich ein Regisseur nur selbst befriedigt, bin ich nach zehn Minuten draußen. Die meisten Regisseure haben keine Ahnung von Musik und inszenieren aus dem Reclamheft. Sie wissen nicht, dass der Komponist seine Absichten zum Text in der Musik dargelegt hat. Wenn man das nicht dechiffrieren kann, ist die Inszenierung sinnlos.

Die Premiere heute, 19 Uhr und alle Folgevorstellungen sind bereits ausverkauft. Die Aufführung am 4. Dezember als Livestream unter www.staatsoper.de/tv im Internet

 

0 Kommentare