Bayerische Staatsoper Hans Abrahamsens Oper "Snow Queen" ist kein Märchen für Kinder

Der 1952 in 1952 in Lyngby, Dänemark geborene Hans Abrahamsen. Foto: Lars Skaaning

Für Erwachsene: Andreas Kriegenburg inszeniert Hans Abrahamsens neue Oper „Snow Queen“ mit Barbara Hannigan

 

Die Zeit scheint reif für dieses Kunstmärchen von Hans Christian Andersen. Nicht nur das Kino interessiert sich für den Stoff. Voriges Jahr brachte die Tonhalle in Zürich David Philip Heftis „Schneekönigin“ für Familien heraus. Vor wenigen Wochen folgte in der Tischlerei der Deutschen Oper Berlin eine Kinderoper gleichen Titels von Samuel Penderbayne.

Nun folgt die Bayerische Staatsoper mit der „Snow Queen“ von Hans Abrahamsen, die am 13. Oktober in Kopenhagen uraufgeführt wurde. Im Nationaltheater ist eine englische Fassung zu sehen, inszeniert von Andreas Kriegenburg. Das ist nur ein Indiz dafür, dass es sich – anders als der Stoff und der Zeitpunkt der Premiere vermuten lassen – um keine typische Märchenoper handelt: Der Besuch wird erst ab 16 Jahren empfohlen.

Die Oper erzählt von der kleinen Gerda, die nicht hinnehmen will, dass ihr Spielgefährte Kay zu einem unnahbaren, gefühlskalten Menschen geworden ist. Abrahamsens Version von Andersens Märchen erinnert an den Mythos von Orpheus, der seine geliebte Eurydike dem kalten Totenreich entreißen möchte. Die Handlung kehrt allerdings die Geschlechterverhältnisse um: Der von der Schneekönigin verführte, entführte und wohl missbrauchte Junge wird von einem Mädchen gerettet.

Schwarze Wirklichkeit

Für Andersen spielt die Welt der Märchen keineswegs im Reich der Phantasie, sondern im Hier und Jetzt. Man brauche nur die „wissenden Augen des Kindes oder eines Dichters“, so Andersen, um „die Realität“ wahrnehmen zu können. In der Lesart von Kriegenburg ist diese Realität offenbar ziemlich schwarz.

Gerda und Kay sind bei Kriegenburg keine Kinder, sondern Erwachsene. Kay leidet demnach an einer mentalen Krankheit. Der Beginn des dritten Aktes spielt in einer Klinik. Überdies ist bei Abrahamsen die Schneekönigin ein Mann, gesungen von einem seriösen Bass (Peter Rose). Diese Schneekönigin wirft also nicht mit eiskalten, gläsern-schrillen Koloraturen um sich wie die „Königin der Nacht“ aus Mozarts „Zauberflöte“, sondern ähnelt mehr dem strengen, weisen Sarastro.

Auch sonst bricht Abrahamsen mit dem klassischen Rollenverständnis. Kay ist eine Hosenrolle, gesungen von der Mezzosopranistin Rachael Wilson. Die Partie der Gerda übernimmt Barbara Hannigan, für die Abrahamsen diese Rolle schrieb. Die kanadische Sopranistin (und Dirigentin) hat in München seinen Liederzylus „let me tell you“ unter Andris Nelsons gesungen, wovon auch eine CD existiert.

Komponieren, wie Gerhard Richter malt

Ansonsten vereint Abrahamsen in seiner ersten Opernpartitur wesentliche Merkmale seiner Musik, um sie wirkungsvoll zu verdichten. Er ist gewissermaßen ein Experte für die kalte Jahreszeit. Schon in den 1970er Jahren hatte Abrahamsen eine „Winternacht“ komponiert, als Hauptwerk gilt das Ensemblestück „Schnee“ von 2006/08. Einige dieser insgesamt zehn Kanons sind in der „Snow Queen“ präsent. Darüber hinaus schimmern stellenweise die „Märchenbilder“ von Abrahamsen durch sowie Béla Bartók oder der „Fliegende Holländer“ von Wagner.

Von Zitaten spricht Abrahamsen nicht, sondern von „Polystilismus“. Damit grenzt er sich von der „Polystilistik“ eines Alfred Schnittke ab, um eine Verbindung zu Gerhard Richter herzustellen. Ähnlich wie der deutsche Maler inszeniert Abrahamsen vielschichtige Realitäten, indem er eigenes und fremdes Material übermalt oder neu gestaltet. Ausgesprochen tonal, verständlich und traditionsgebunden gibt sich die Musik von Abrahamsen, um das scheinbar Bekannte und Konkrete auszuhöhlen.

Deswegen lehnt Abrahamsen das Schlagwort „Neue Einfachheit“ für sich genauso ab wie einst Morton Feldman. Er plädiert für eine „Kultur des Erinnerns“. „Natürlich sollte man als Komponist wissen, was heute um einen herum geschieht“, so Abrahamsen. „Aber man muss es gleichzeitig ignorieren und dies ertragen können. Man sollte riskieren, nur dem zu folgen, was man tun muss. Es darf keinen Totalitarismus in der Musik geben.“  

Premiere Sa., 18 Uhr. Restkarten, weitere Vorstellungen am 26., 28. und 30. Dezember, 4. und 6. Januar, am 28. Dezember ab 19.30 Uhr unter staatsoper.tv auch als Livestream. Karten online und unter Telefon 2185 1920
 

 

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