Bayerische Staatsoper Die Festspielwerkstatt ist eröffnet

"Eva und Adam" in der Reithalle. Foto: Wilfried Hösl

Die Festspielwerkstatt der Staatsoper öffnet mit einer musikalischen Führung durch die Caravaggisten in der Alten Pinakothek und einem Musiktheater mit Hiesigen und Migranten in der Reithalle

 

Es ist dunkler als zu den normalen Öffnungszeiten der Alten Pinakothek. Nur einzelne Bilder Caravaggios und seiner Nachfolger sind beleuchtet. Darsteller weisen mit tragbaren Leuchtstoffröhren den Weg und den Blick auf die Gemälde, während Musik von Händel, Monteverdi, Schubert und Luciano Berio gespielt wird.

Die mit „Selbstermächtigung“ überschriebene musikalische Führung der Festspielwerkstatt der Bayerischen Staatsoper hilft beim genauen Hinsehen. Sie zwingt einen, länger als sonst vor den Bildern der Sonderausstellung „Utrecht, Caravaggio und Europa“ zu verweilen und sich näher mit der schlaffen Haut greiser Heiliger, ihren ungewaschenen Füßen und dem Dreck unter ihren Fingernägeln zu beschäftigen. Und ist es nicht so, dass der Heilige Petrus auf den befreienden Engel eher genervt reagiert, weil er lieber in Ruhe im Kerker weiterschlafen möchte?

Mehr Chiaroscuro

Die Musik-Auswahl wirkte – abgesehen von Monteverdis „Lamento dell Ninfa“ mit Anna El-Kashem – zwar ein wenig brav. Gewiss hätten die Extrem-Madrigale von Carlo Gesualdo besser zum barocken Bild-Extremismus gepasst als Arien des unvermeidlichen Händel aus dem ebenso unvermeidlichen „Giulio Cesare in Egitto“. Aber sie sind nicht so leicht verfüg- und singbar. Und man wäre im Sinne des Klimaschutzes dankbar, wenn wenigstens einmal pro Woche die schwedische Klima-Aktivistin unzitiert bliebe, auch wenn sie zugegebenermaßen bestens zum Thema Selbstermächtigung passt.

Die Licht-Dramaturgie der von Maria-Magdalena Balk inszenierten Führung verstärkt die dramatischen Hell-Dunkel-Effekte der Gemälde. Der Weg von den Heiligen über Jesus zu den Kurtisanen und trinkenden Studenten führt über barocke Musik und ein romantisches Lied konsequent zu den vitalen „Folk-Songs“ von Luciano Berio. Der Zuschauer wird keinen Moment bevormundet, der einstündige Abend ist im Wortsinn eine Selbstermächtigung zum freien Assoziieren über die Bilder. Und am Ende bleibt Zeit genug, die nicht hervorgehobenen Gemälde in Ruhe zu betrachten, ohne dass einem (wie bei der Premiere) ständig ein Museumsdirektor oder Kurator vor der Nase steht.

Ein Hauch von Kirchentag

Einen Abend später wieder die Festspielwerkstatt, diesmal aber in der Reithalle mit dem dritten Teil von Jessica Glauses alttestamentarischem Langzeitprojekt. „Eva und Adam“ ist ein Abend voller Nächstenliebe, eine herzerwärmende Utopie des Zusammenlebens von Menschen unterschiedlichster Herkunft und kultureller Prägung, ausgehend von Joseph Haydns „Schöpfung“, mit deren Hilfe das Material geschickt und ohne unnötige Abschweifungen sortiert wurde.
Gut ist an diesem Abend zuallererst einmal das große Engagement aller Beteiligten, einschließlich des von Anna Handler geleiteten Orchesters. Die Regisseurin hatte auch den Mut, die allzuoft auf einen Guckkasten reduzierte Halle in voller Größe auf mehreren Stationen zu bespielen.

Hinein geht es über einen Seiteneingang – ins Dunkle, ehe es Licht wird und der Zuschauer einen gepolsterten Sitzplatz im Paradies zugewiesen bekommt, aus dem er nach einiger Zeit in die Realität des harten Bühnenbodens vertrieben wird. Angesichts der Verhältnisse an den EU-Außengrenzen ist das ein recht freundlicher Umgang mit dem Publikum.

Gemeinsames Feiern als Utopie

Zwar kommentieren die jungen Darsteller den alttestamentarischen Schöpfungsbericht lebensklug aus ihrer eigenen Lebens- und Glaubenssituation. Aber es bleibt ein Beigeschmack von Kirchentag. Denn die Wohlfühlzone jener Gemeinplätze, denen jedermann bauchschmerzfrei und von vollem Herzen zustimmen kann, verlässt der Abend nur in den feministischen fünf Minuten, die von Körperbehaarung und Menstruationsblut handeln.

Mehr als ein junger Darsteller kommt offenbar aus Afghanistan. Da ist es schon verwunderlich, dass das hässliche Wort „Abschiebung“ und andere bürokratische Maßnahmen aus bayerisch dominierten Innenministerien keine Sekunde lang die Utopie gemeinsamen Feierns stören – nur ein Beispiel dafür, dass der Abend willkommenspolitische Widersprüche mehr scheut, als es dem Theater als öffentlichem Diskursraum gut tut. Die katholischen Caravaggisten sind da mit ihren krassen Szenen selbst aus dem Abstand von 450 Jahren weniger zimperlich.

Eva und Adam wieder heute (ausverkauft) in der Reithalle sowie am 26., 27., 28. und 29. September im Rennert-Saal der Staatsoper. „Selbstermächtigung“ wieder heute sowie am 22., 25. und 26. Juni, alle Termine ausverkauft. Mehr Infos zur Festspielwerkstatt auf www.staatsoper.de

 

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