Bayerische Staatsoper Das zweite Montagskonzert als Livestream

Laurretta Summerscales und Yonah Acosta beim Livestream am Montag auf der Bühne des leeren Nationaltheaters. Foto: Wilfried Hösl

Kammermusik von Rachmaninow, Lieder von Hugo Wolf und Richard Strauss sowie Tanz beim zweiten Montagskonzert im Nationaltheater

 

Das leere Haus: gespenstisch und beruhigend zugleich. Eine tolle, mobile Kameraführung fängt die Perspektive von der Bühne in die Weite des Zuschauerhalbrunds immer wieder geschickt ein bei diesem zweiten Montagskonzert der Bayerischen Staatsoper im Live-Stream.

Auch die gegenwärtige – speziell in der Münchner Musik- und Theaterszene seit fast 75 Jahren beispiellose – Situation hat zwei Seiten. Mindestens. Zum einen birgt der Beschränkungszwang auf nur wenige Interpreten die Chance, sich wieder auf Schönheit, Intimität und Reiz kleinerer Formen wie Kammermusik und Kunstlied zu besinnen. Zum anderen betont gerade die anfangs recht düstere Programmauswahl vom Montagabend mit Sergej Rachmaninows „Trio élégiaque“ Nr. 1 g-Moll, Klavierliedern von Hugo Wolf und Richard Strauss sowie zwei Pas de deux von John Neumeier und John Cranko, wie fragil, ja elitär unser gesamter Kunstkosmos eigentlich ist.

Musik ist Bewegung

Mit den beiden Mitgliedern des Bayerischen Staatsorchesters – Hanna Asieieva (Violine) und Darima Tcyrempilova (Cello) – und dem Pianisten Dmitry Mayboroda präsentierte sich ein Ensemble, das große Affinität für Rachmaninows eher krudes Frühwerk bewies. Ballettfreunde kannten Mayboroda bereits als bemerkenswerten Tastenvirtuosen in „Rubies“, dem Mittelteil von George Balanchines Ballett „Jewels“. Musste er seinerzeit Strawinskys jazziges „Capriccio für Klavier und Orchester“ noch im Orchestergraben spielen, konnte man nun – dank der überlegten Bildregie – immer wieder seine filigran-langfingrigen, kraftvoll über die Tastatur gleitenden Hände bewundern. Aufs Neue wurde deutlich: Musik ist Bewegung.

Ob es David Böschs „Meistersinger“-Inszenierung bei den diesjährigen Münchner Opernfestspielen geben wird? Ob es heuer überhaupt Opernfestspiele geben wird? Auf Hanna-Elisabeth Müllers geplantes Rollendebüt als Eva – wann auch immer – darf man sich jedenfalls freuen. Ihre klangliche Raffinesse bei den Wolf- und Strauss-Liedern stellt ein großes Versprechen dar.

Wolfs Mörike-Lieder und das Strauss-Lied-Best-Of wurden vom Bariton Michael Nagy komplettiert. Was die gestrenge Elisabeth Schwarzkopf zu seinen Interpretationen wohl angemerkt hätte? Sie wäre mit seiner Präsenz und Suggestivkraft wahrscheinlich durchweg zufrieden gewesen.

Partnerschaftliche Intimität

Ballett als krönender Abschluss. Zuerst der aus der sonst heiteren Ensemblestimmung einer lustigen Landpartie scherenschnitthaft herausgelöste Pas de deux eines Paares aus dem zweiten Akt von Neumeiers „Kameliendame“. Ohne Zutun der Gruppe fiel optisch die Distanz und das Sich-Nicht-Berühren bei diesem Flirt ins Gewicht. Das solistische Wechselspiel freizeitlich übermütiger Koketterie wurde blitzsauber von der Ersten Solistin Prisca Zeisel und Solist Dmitrii Vyskubenko getanzt.

Dann folgte der vorletzte große Pas de deux aus Crankos „Der Widerspenstigen Zähmung“: Die beiden Ersten Solisten Laurretta Summerscales und Yonah Acosta – auch privat ein Ehepaar – ließen einfühlsam aus dem Kontext der turbulenten Story herausgelöst partnerschaftlichen Zusammenhalt und die Intimität liebevoller Zärtlichkeit spüren.

Eine solche Nähe sollten wir uns untereinander derzeit sonst verkneifen. Da mag dem Zuschauer zu Hause kurz der Atem stocken.

Immer wieder wird das letzte Paar von der Kamera umkreist. Es werden Perspektiven auf die Tänzer geboten, wie man sie im Normalbetrieb niemals zu sehen bekommt. Im Hintergrund: der erhellte, leere Zuschauerraum. Das bleibt als Bild und berührt – irgendwie schaurig-schön.

Am nächsten Montag folgt ein weiterer Livestream aus dem Nationaltheater


Das Staatsballett und die Staatsoper zur Kritik am Livestream

Im Internet, auf sozialen Medien und von Bloogern wird zum Teil scharfe Kritik an dem gestrigen Auftritt der Tänzer geübt. „Die Teilnahme erfolgt nach Rücksprache und ausschließlich auf freiwilliger Basis“, erklärt dazu das Staatsballett auf Nachfrage. „Im Falle des Konzerts vom 23. März waren ein Ehepaar beteiligt, das im gleichen Haushalt lebt, sowie ein Pianist und zwei weitere Tänzer, die nicht als Paar, sondern nacheinander in einer gemeinsamen Szene aufgetreten sind.“

Die Sicherheit und Gesundheit der Tänzerinnen und Tänzer stehe an oberster Stelle, so das Staatsballett. Die am Montag gezeigten Ausschnitte seien Teil des Repertoires, so dass lediglich zwei individuelle Proben mit ein bis zwei Tänzern, einem Pianisten und einem Ballettmeister durchgeführt wurden. „Hierbei wurden alle Sicherheitsvorkehrungen wie Mindestabstände, Händedesinfektion etc. eingehalten. Lediglich bei dem verheirateten Pärchen wurde in punkto Körperabstand eine Ausnahme gemacht.“

Freiwilliges Training

Der Probenbetrieb des Bayerischen Staatsballetts ist seit neun Tagen komplett eingestellt. Lediglich ein freiwilliges Training werde angeboten. „Körperliches Training ist für Tänzer Grundvoraussetzung um zu einem späteren, hoffentlich baldigen Zeitpunkt wieder auf der Bühne arbeiten zu können.“ Zudem trainieren die Mitglieder des Bayerischen Staatsballetts derzeit ausschließlich im Ballettprobenhaus am Platzl, um Kontakte mit dem Personal im Nationaltheater zu vermeiden. Sowohl Training als auch die Teilnahme an den Montagskonzerten seien für die Tänzer völlig freiwillig.

Dies alles geschehe in enger Abstimmung und gemäß aller Vorgaben des Bayerischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst. Zwar sei das Theater für den Publikumsverkehr geschlossen, es wurde aber bisher ausdrücklich kein Arbeitsverbot für die Staatstheater ausgesprochen. „Die Künstler hoffen, den Menschen mit Formaten wie den live gestreamten Montagskonzerten Zuversicht vermitteln zu können; und ein deutliches Signal nach außen zu senden: Kunst gehört zum Leben dazu, auch in einer Krise“, so das Staatsballett in einer Pressemitteilung. "Jedes Ballettstudio besitzt, seit langem und unabhängig von Corona, am Eingang einen Händedesinfektionsspender."

Der Verantwortung bewusst

Ähnlich äußert sich auch Nikolaus Bachler gegenüber der AZ. „Die Montagskonzert-Serie wurde auch deshalb ins Leben gerufen, weil Künstlerinnen und Künstler aktiv auf uns zukamen und sich engagieren wollten. Wir sind uns unserer Verantwortung gegenüber unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bewusst. Wir achten auf die bekannten Sicherheitsvorkehrungen“, so der Intendant der Bayerischen Staatsoper.

Die Konzerte würden mit einem stark reduzierten Team durchgeführt – etwa auf Seiten der Technikcrew oder der Garderobenbesetzung. Zum Beispiel seien keine Mitarbeiter der Maske dabei, die Bühne sei so reduziert, dass beim Livestream nur drei Mitarbeiter beschäftigt seien.

„Alle selbsternannten Blockwarte können sich also ab sofort anderen Thematiken widmen. Oder, noch besser: einfach mal schweigen“, so Bachler abschließend.
 

 

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