Bayerische Staatsoper Das schmutzige Geschäft

Ein Krieg aller gegen alle: Ein Kind erschießt auf Befehl des allmächtigen Drahtziehers Schuiskij (Gerhard Siegel) den Gottesnarren (Kevin Conners). Foto: Wilfried Hösl

Kein Buh für Bieito im Bunker: Mussorgskys „Boris Godunow“ mit Alexander Tsymbalyuk in der Titelrolle ist die bisher beste Aufführung der laufenden Saison an der Bayerischen Staatsoper

Die Polizisten dreschen mit den Schlagstöcken auf die Absperrungsgitter. Der metallische Lärm mischt sich mit den Krönungsglocken, die Kent Nagano im Orchestergraben aufdreht, als sei es ein Schlagzeugstück von Iannis Xenakis. Das ist ohrenbetäubend, aber auch klangterroristische Absicht.

 

Denn von einer Flasche Wodka und einer Landkarte abgesehen, geht es im neuen „Boris Godunow“ der Staatsoper kaum russisch zu. Der scheidende Generalmusikdirektor holt in der unglaublich verlangsamten Schlussszene mit dem Bayerischen Staatsorchester fahle Horn- und Flöten-Soli heraus. Er macht ohrenfällig, warum Claude Debussy von Modest Mussorgskys Oper begeistert war.

Calixto Bieito lässt die Pelze ebenfalls im Schrank und konzentriert sich auf den Politthriller. Im Zentrum steht das Volk. Allerdings gänzlich unverklärt: als Pöbel, der von den Krawattenträgern der Macht benutzt und von Polizisten gnadenlos zusammengeschlagen wird. Die Kinder beklauen und schlagen den wehrlosen Gottesnarren (Kevin Conners), ihre ohnmächtigen Eltern werfen Molotowcocktails gegen den Bunker der Macht. Es herrscht Krieg aller gegen alle.

Das alles ist nicht Bieitos Erfindung, es steht so im von Mussorgsky nach Puschkin selbst verfassten Text. Aber es deckt sich mit der Überzeugung des zornigsten Moralisten des Regietheaters, alle Politik sei ein schmutziges, korruptes Geschäft. Kurz vor dem Tod des Boris fallen die Bojaren übereinander her wie das ukrainische Parlament, ehe Schuiskij (mit giftigem Tenor: Gerhard Siegel) mit dem Geldkoffer für Beruhigung sorgt. Er ist das heimliche Zentrum der Aufführung: der Provokateur Mitjucha (Tareq Nazmi) ist sein Handlanger und auch Pimen, hier ein grauer Dissident, eine seiner Marionetten.

Dass Anatoli Kotscherga ihn mit ergrautem Bass singt, stört kaum, weil es zur Charakterisierung passt. Im Zentrum steht aber der junge Ukrainer Alexander Tsymbalyuk als Boris, der hier einem reichen, aber schwachen Oligarchen ähnelt. Der Monolog, in der Krönungsszene von der Höhe des Bunkers (Bühne: Rebecca Ringst) gesungen, bleibt aus akustischen Gründen blass. Im Zarengemach werden Tsymbalyuks Qualitäten deutlich: Er ersetzt expressionistische Vergröberungen, die Schaljapin-Nachahmung und den für „echt russisch“ geltenden Sprechgesang durch eine fein schattierte Charakterzeichnung mit musikalischen Mitteln. Er ist ein großartiger Darsteller, der den seelischen Zusammenbruch glaubhaft darstellen kann und beim Zuschauer genau jenes Changieren zwischen Mitgefühl und Verachtung auslöst, auf das der Regisseur hinaus will.

Zum illusionslosen Realismus der Inszenierung passt die Verwandlung Fjodors in eine Fjordorowna (Yulia Sokolik). Den Monolog über das Versagen der Macht richtet der Zar an die schwer depressive Xenia (Eri Nakamura). Dass die Kinder am Ende der Oper noch vor Boris sterben und vom falschen Dimitri (Sergey Skorokhodov) erstickt werden, ist nicht nur Zutat des Regisseurs, sondern auch eine Anspielung auf das düstere Finale des Dramas von Alexander Puschkin, das der Oper zugrunde liegt.

Das Publikum folgte der pausenlosen Aufführung der Urfassung von 1869 atemlos. Auch die geschickt inszenierten Szenenübergänge wurden in der Premiere nicht durch Beifall gestört. Über die eine oder andere Gewaltszene lässt sich streiten. Aber es ist spannend, wie am Ende der Schenkenszene die Wirtin (Okka von der Damerau) plötzlich einen Polizisten umbringt. Dass Bieito einmal nicht ausgebuht wurde, hat seinen Grund: Diese düstere, ins heutige Krisen-Europa verlegte Inszenierung ist ein starkes Stück.

Wieder am 17., 20., 23., 27. 2. und 2. 3. im Nationaltheater. Karten unter 21 85 19 20

 

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