Bayerische Staatsoper Das Publikum fordern

In der „Götterdämmerung“ ergreift die Euro-Krise Andreas Kriegenburgs „Ring“. Szene mit Stephen Gould (Siegfried), Anna Gabler (Gutrune) und Iain Paterson (Gunther). Foto: Rabanus

Vor der „Götterdämmerung”: Nikolaus Bachler zieht eine erste „Ring”-Bilanz, verteidigt das Getrampel der Walküren und erläutert den Unterschied zwischen Interpretation und Konzept

 

Am Samstag rundet sich Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Richard Wagners vierteiligem „Ring des Nibelungen” mit der „Götterdämmerung”. Der Intendant kann zufrieden sein: Die Premiere und die beiden „Ring”-Zyklen der Münchner Opernfestspiele sind ausverkauft.

AZ: Herr Bachler, Ihr Vor-Vorgänger Wolfgang Sawallisch schreibt in seinen Memoiren, man müsse den „Ring” alle zehn Jahre szenisch erneuern. Warum ist das so?

NIKOLAUS BACHLER: Wagners Tetralogie ist die größte Herausforderung für Menschen, die Musiktheater machen. Ich vergleiche unser Unternehmen mit einer Expedition auf den Nanga Parbat: Die macht man nur einmal im Leben. Besonders wichtig ist, dass wir den gesamten „Ring” innerhalb eines halben Jahres herausbringen, auch wenn das alle Beteiligten bis ins Letzte fordert. Alle im Haus sind derzeit so „Ring”-versunken wie „Ring”-erschöpft. Aber das setzt auch letzte Reserven an Adrenalin frei – auch beim Publikum, das schon um 16 Uhr da sein muss.

Spiegelt Wagners „Ring” als eine Art Nationaloper die deutsche Identität?

In mancher Weise schon, etwa in der falsch verstandenen Lebenshaltung zur Pflicht. Auch die Institution des Helden ist eine deutsche Angelegenheit. Wotan könnte kein griechischer Gott sein: Er hat pathetische Vorstellungen von der Welt, die nicht lebendig sind. Außerdem gibt es im „Ring” eine gewisse Humorlosigkeit als sehr teutonische Haltung.

Von solchen Fragen wirkt Kriegenburgs Inszenierung unberührt. Ist es möglich, die Geschichte ohne Interpretation naiv zu erzählen?

Theater ohne Interpretation ist unmöglich, Theater ohne Konzept ist aber sehr wohl möglich. Kriegenburg hat sich entschieden, die Konzeption zu verweigern, dafür aber die Interpretation stärker ins Zentrum gerückt.

Was ist der Unterschied zwischen Konzept und Interpretation?

Ein Konzept heißt, eine Idee draufzusetzen oder ein Werk in eine Idee hineinzuzwingen, um etwas Bestimmtes zu zeigen. Kriegenburg wollte sich in Wagners Mythos hineinversenken und alles vom Menschen her erzählen. Ich habe übrigens auch nichts gegen starke Konzepte: Martin Kušejs „Rusalka” ist ein gutes Beispiel für eine Inszenierung dieser Art.

War es nicht erwartbar, dass auf das Getrampel am Anfang des dritten „Walküre”-Akts Proteste folgen?

Ich war mir darüber im Klaren, dass ein Teil des Publikums das nicht aushalten würde. Aber das Publikum soll ja schließlich auch gefordert werden.

Warum musste es sein?

Dem Popschlager des Walkürenritts muss man etwas entgegen setzen. Das Ritual hebt den nahezu unspielbaren Walkürenritt auf ein angemessenes Energie-Level.

Leert der Bewegungschor die Kasse des Intendanten?

Nein. Unser „Ring” ist, was die Ausstattung angeht, vergleichsweise ökonomisch. Die Mehrkosten an Probengeldern für den Bewegungschor sind durchaus verkraftbar. Diese 80 bis 90 Leute halten zusamemn wie eine Pina-Bausch-Truppe, einzelne übernehmen eine Verantwortung, die weit über Komparserie hinausgeht. Kriegenburg ist eben ein hervorragender Motivator.

War die Aktion von Spencer Tunick für Sie mehr als ein Marketing-Gag?

Natürlich nicht, was hat das mit Marketing zu tun? Das war eine Kunstinstallation, die 1700 Teilnehmer aus aller Welt zu einem kollektiven Erlebnis brachte, nicht unähnlich Kriegenburgs Regieansatz. Dass das Ganze weltweite Beachtung findet, ist ja kein Nachteil.

Was ist an dem Gerücht dran, Kriegenburg habe den „Ring” in vier Münchner Theatern spielen lassen wollen?

Das war meine Ursprungsidee. Ich wollte das „Rheingold” in einer kleinen, spielerischen Kammerversion oder mit dem Orchester auf der Bühne im Residenztheater spielen, die „Walküre” im Nationaltheater, „Siegfried” in einer Montagehalle von BMW oder der Olympiahalle, die „Götterdämmerung” im Prinzregententheater. Kriegenburg war sehr interessiert. Gescheitert ist es an akustischen Problemen, dem Orchester und der zu kurzen Vorbereitungszeit.

Wie geht es nach Kent Naganos Abschied mit dem „Ring” weiter?

Er bleibt im Spielplan.

 

0 Kommentare