Bayerische Staatsoper Christian Gerhaher als Wozzeck im Nationaltheater

Christian Gerhaher als Wozzeck im Nationaltheater. Foto: Wilfried Hösl

Christian Gerhaher singt den Wozzeck in Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Alban Bergs Oper im Nationaltheater

 

Elf Jahre ist diese Inszenierung schon alt. Trotzdem wirkt Andreas Kriegenburgs expressionistisch düstere Version von Alban Bergs "Wozzeck" mit dem schwebenden Zimmer, den trostlosen schwarz gekleideten Arbeitslosen und vielen grotesken Nebenfiguren frisch wie am ersten Tag.

Das ist zuallererst ein Verdienst von Christian Gerhaher. Denn Kriegenburgs Sicht ist offen genug, eine persönliche Nuancierung mitzutragen. Gerhaher spielt, deutlicher als seine Vorgänger, einen untergründig aggressiven Mann, der es nicht erträgt, ein Opfer zu sein. Wenn dieser Wozzeck beim Rasieren des Hauptmanns klagt, die armen Leute müssten auch noch im Himmel donnern helfen, beschwört er mit prophetischer Stimme ein apokalyptisches Strafgericht herauf. Dazu passt, dass ihn die Inszenierung schon im nächsten Bild, wenn Wozzeck von einer Weltverschwörung der Freimaurer orakelt, mit dem Messer fuchteln lässt.

Ein vielschichtiges Porträt

Gerhaher erweist sich hier wieder als eminenter Sing-Schauspieler, bei dem die szenische untrennbar mit der musikalischen Aktion verschmilzt. Er zeigt in seinem vielschichtigen, Widersprüche nicht verschmähenden Porträt der Figur auch, dass Wozzeck ein vergeblich Liebender ist. Das alles ereignet sich – mit einem Reichtum an Nuancen und vokalen Farben, das nie zum Selbstzweck wird, sondern stets im Dienst der Charakterisierung steht. Und mit dem von Alban Berg immer wieder geforderten Sprechgesang hat Gerhaher als erfahrener Lied-Interpret auch keine Probleme.

Von der ursprünglichen Besetzung sind nur Heike Grötzinger (Margret) und Kevin Conners (Andres) übrig. Trotzdem spielen in dieser vom Abendspielleiter Andreas Weirich einstudierten Wiederaufnahme alle wie in einer Premiere. Gun-Brit Barkmin versteht die Marie als ähnlich komplexe, widersprüchliche Figur zwischen Aufbegehren und Ergebung, wie es Gerhaher mit Wozzeck macht. Auch hier sind Gesang und Darstellung nicht zu trennen.

Keine Glanzleistung des Dirigenten und des Orchesters

Der Rest lässt sich leider von Kriegenburgs Inszenierung dazu verführen, eher holzschnittartig zu singen. Das Staatsorchester, das unter seinem Generalmusikdirektor in Alban Bergs verfremdeter Schönheit zu schwelgen versteht, wirkte am Sonntag indisponiert.

Was aus dem Graben kam, war kaum dazu angetan, Abonnenten für die freie Atonalität zu begeistern. Alles Grelle war übersteuert, die Bibelszene klang dafür kitschig. Dazu kam, dass der bestenfalls routiniert dirigierende Hartmut Haenchen das Zwischenspiel vor dem letzten Bild frostig abwickelte. Das mag sich, wenigstens teilweise, in den drei Folgevorstellungen noch herauswachsen. Aber womöglich war es keine gute Idee, dieses immer noch fordernde Stück ausgerechnet am Abend vor der Premiere der "Toten Stadt" anzusetzen, die ebenfalls ein riesiges Orchester verlangt.

Wieder am 20., 23. und 25. November im Nationaltheater. Restkarten vorhanden. Die Vorstellung vom 23. November wird ab 19 Uhr als kostenloser Livestream auf www.staatsoper.tv ins Internet übertragen
 


 
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