Bayerische Staatsoper Brutaler Brocken

Die Rezeptionsgeschichte kratzt ihn nicht. Andreas Kriegenburg will sich lieber zum Kern der „Ring“-Geschichte vorwühlen. Foto: dpa

Die Staatsoper stemmt Wagners „Ring” – Intendant, GMD und Regisseur Kriegenburg erklären ihr Projekt

 

Liebe auf den ersten Blick war’s nicht. Das konnte Andreas Kriegenburg kaum verbergen. Aber am Ende des ersten lockeren Geplauders über den „Ring des Nibelungen” musste die Wahrheit doch noch ans Licht: „Ich fühle mich in den Klangwelten Händels eher zu Hause, als in den Klanganmaßungen und -überwältigungen Wagners”, gestand der Regisseur. Was Kent Nagano zu einem freundlich wissenden Lächeln animierte. Und Intendant Nikolaus Bachler ziemlich streng dreinschauen ließ. Aber das muss an der schwarzen Nerdbrille gelegen haben, die noch der größten Lässigkeit staatstragenden Ernst verpasst.

Tatsächlich haben die drei Männer einen mächtigen Brocken in der Mache. Der soll auf einmal gestemmt werden, in genau zwei Wochen ist „Rheingold“-Premiere, am 30. Juni endet der Wahnsinns-Vierteiler mit der „Götterdämmerung“. Dazwischen liegen nicht mal fünf Monate, wovor die meisten Häuser zurück schrecken. Doch das Staatsopern-Team setzt auf Konzentration. Als Bachler und Dirigent Nagano vor vier Jahren das Projekt ins Auge fassten, sei man sich sofort einig gewesen, „diesen ,Ring’ in einem zu schmieden und nicht über Jahre zu verteilen“.

Ein mehrfacher Marathon, keine Frage. Dazwischen wird es aber auch keine anderen Premieren geben, und der Generalmusikdirektor kann sich ganz und gar auf Wagners Tetralogie einlassen. Er hat alle Teile schon dirigiert, aber es ist sein erster szenischer „Ring“. Bisher habe er immer gezögert, sei es in Lyon oder in San Francisco, weil irgendwas nicht passte. Aber jetzt in München sei das anders, „alles passt, nur so funktioniert dieses totale Kunstwerk“, betont Nagano, „und wenn man es in die richtigen Hände geben kann“, schwärmt er auf seine unnachahmlich leise Art, „dann in die des Bayerischen Staatsorchesters“.

Auch Kriegenburg hätte den „Ring“ nirgendwo anders gemacht. Schon bei der Arbeit am „Wozzeck“ fühlte er sich gut aufgehoben. Und natürlich weiß auch der Regisseur mit der sonoren Stimme, dass er hier mit der Crème de la crème der Sänger aufschlagen kann und nicht jeder Euro fünfmal umgedreht wird.

Wenn Kriegenburg allerdings von seiner Inszenierung erzählt, gewinnt man den Eindruck, dass er die Kassen gar nicht so sehr plündern muss. Seine Bühne sei ziemlich leer. Er interessiere sich vor allem für die Psychologie der Figuren, deren Verstrickung, die Fehler, den Verrat. Die Regie soll sich nicht in Konkurrenz zur Musik begeben. Also wird es keinen visuellen Feuerzauber mit Videos und dergleichen geben. Auch Parkhäuser und Kraftwerke sind tabu. Wagner sei einfach ein unglaublicher Erzähler. Und Äußerlichkeiten förderten nur die Distanz zwischen dem Zuschauer und den Figuren. Deshalb ist sein Wotan weder Großindustrieller, noch Zuhälter, nicht mal ein Gott. Der bloße Mensch werde im Fokus stehen, auch seine Körperlichkeit. Und wenn es nach Kriegenburg geht, dann soll das Ganze ein vor allem sinnliches Erlebnis sein.

Zuweilen klingt das nach einem Kammerspiel. „Wenn davon möglichst viel erhalten bleibt, wäre ich froh“, sagt er. Aber es gebe ja auch die großen Gesellschaftsfragen. Die oft genug aus dem Privaten entstehen. „Aus einer Enttäuschung oder Verletzung heraus wird einer wie Alberich wirklich gefährlich.“

Dass er und Wagner nicht so gut zusammenpassen, hält Kriegenburg für die Arbeit sehr richtig. Trotzdem sei das tolle Musik und eine tolle Geschichte. Was nun auch den Intendanten wieder etwas milder blicken lässt.

Die „Rheingold”-Premiere am 4.2. und alle folgenden Aufführungen sind ausverkauft

 

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