Bayerische Staatsoper "Aus einem Totenhaus" in der Sicht von Frank Castorf

Die Bühne von Aleksandar Denic für „Aus einem Totenhaus“. Auf der Videowand steht „Katorga“, das russische Wort für die Bestrafung durch Verbannung und Zwangsarbeit. Foto: Wilfried Hösl

Leos Janáceks Oper „Aus einem Totenhaus“ in der Regie von Frank Castorf im Nationaltheater

Alles wird im Nationaltheater geboten, was der Besucher von einem echten Castorf erwartet: tragikomische Männer in Unterhosen, eine Lenin-Büste, Live-Videos aus dem Inneren des Bühnenbilds, private Mythologien, die sich auch auf den dritten Blick nicht entschlüsseln. Trotzdem verdichtet sich – guten Willen beim Zuschauer vorausgesetzt – das kontrollierte Chaos immer wieder zu Einsichten.

Das aber ist der normale Geschäftsgang. Das Überraschende ereignet sich bei „Aus einem Totenhaus“ im Orchestergraben. Wer hätte gedacht, dass Simone Young eine so eminente Janácek-Dirigentin ist? Die Musik ist zugleich melodiös und extrem. Die Streicher singen in höchsten Lagen – herb, schön, flirrend und zugleich kreischend vor Schmerz. Dann klingt es wieder schroff und hart. Noch nie waren so eisige Beckenschläge und finstere Trommelwirbel zu hören.

„In jeder Kreatur ein Funken Gottes“, die berühmte Überschrift der Partitur, wird in dieser Aufführung dank des herausragenden Bayerischen Staatsorchesters wirklich zum Klang. Und wer schon ein paar halbgare Einstudierungen der Oper hinter sich hat, möchte hinzufügen: vielleicht zum ersten Mal.

Die Schönheit aller Seelen

So wird deutlich, wie sehr der Komponist Dostojewskis Roman durch die Vertonung zu sich gebracht hat. Janácek liest den autobiografisch gefärbten Roman aus der Perspektive des messianischen Spätwerks. Obwohl die Oper in einem sibirischen Straflager spielt und die Musik sich dem Grauen mit Kettengerassel und Fahlheit zu nähern versucht, kehrt die Musik letztendlich die Schönheit der überwiegend kriminellen Seelen und ein allumfassendes christliches Mitleid heraus.

Hier setzt Castorfs Inszenierung an. Der Regisseur zitiert am Ende des ersten Akts auf der Video-Wand eine stumme, untertitelte Kern-Passage aus den „Dämonen“. Später wird das für den gleichen Roman zentrale Geschichte von der Heilung des besessenen Geraseners aus dem Lukas-Evangelium auf Spanisch rezitiert.

Castorf ist ein Dostojewski-Aficinado. Er schießt in seiner wie immer durch Live-Videos weiter beschleunigten Bilderflut über das Ziel hinaus. Aber in der Maßlosigkeit gibt es ordnende Elemente. Etwa den bei Janácek symbolisch stark aufgeladenen Adler, den Castorf mit der Hosenrolle des jungen Tataren (Evgeniya Sotnikova) vereint hat. Die stolziert als Paradiesvogel über die Bühne und lässt sich vom Dostojewski-Stellvertreter Gorjancikov (Peter Rose) gleich am Anfang die Beine streicheln.

Dostojewskis surrealistisches Bordell

In dieser Inszenierung ist das Straflager mehr ein Nachtasyl. Oder ein surrealistisches Bordell. Und manches wirkt im Vergleich zu seinen Schauspiel-Inszenierungen verdünnt. Aber Castorf unterstreicht, was bereits Janácek in seiner Verdichtung des Romans herausgearbeitet hat: das bei Dostojewski weniger zentrale Motiv der sexuellen Not in einer Welt ohne Frauen. Das ist ein roter Faden, der den Zuschauer sowohl durch die drei zentralen Monologe der Oper wie durch das Bilderfegefeuer der Inszenierung führen kann.

Der Adler der Oper spiegelt sich in einem goldenen Zaren-Adler. Ein längeres Dostojewski-Zitat kann einen auf die Idee bringen, dass die gegenwärtige russische Politik in der Tradition des Panslawismus steht. Zwischendurch gibt es einen Stummfilm über sibirische Straflager. Vermutlich über Sergej Eisensteins „Mexiko“-Film landet Castorf assoziativ bei den tanzenden Skeletten des Día de Muertos und bleibt trotzdem in Russland.

Häftlinge und Hasen

Auf Aleksandar Denics drehbarer Bühne kommt immer wieder mal ein Plakat in den Blick, das recht zynisch für die stalinistische UdSSR als Reiseland wirbt. Und Werbung für einen vergessenen Film über Trotzkis Ermordung mit Richard Burton. Im dritten Akt setzt eine gewisse Ermattung ein, ehe dann ein bisschen DDR-mäßig Freiheit mit Konsum gleichgesetzt wird und drei Häftlinge die Hasen im Käfig anstarren wie wir Zuschauer die Häftlinge auf der Bühne.

„Aus einem Totenhaus“ hat viele kleine und drei mittlere Rollen. Keine ist schwach besetzt. Die Bayerische Staatsoper bietet ein grandioses Ensemble auf, Charles Workman (Skuratov), Ales Briscein (Luka) und Bo Skovhus (Siskov) singen die zentralen Monologe.

Zuletzt eine doppelte Warnung: Der Text dieser im tschechischen Original gesungenen Oper ist kompliziert. Wer auf die Obertitel starrt, versteht wenig und verpasst die Inszenierung. Ohne Minimal-Erfahrung mit Dostojewski und der russischen Kultur bleibt vieles unverständlich. Für den Kenner ist das Assoziationsgewitter mit seinen vielen Geistesblitzen aber durchaus erhellend.    

Wieder am 26. und 30. Mai, 3., 5. und 8. Juni. Restkarten online und unter Telefon 2185 1920. Die Aufführung vom 26. Mai live ab 19 Uhr unter www.staatsoper.tv
 

 

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