Bayerische Staatsoper Anna Netrebko als Turandot im Nationaltheater

Anna Netrebko und Yusif Eyvazov in Puccinis "Turandot" im Nationaltheater. Foto: Wilfried Hösl

Anna Netrebko und ihr unvermeidlicher Gatte Yusif Eyvazov in Puccinis „Turandot“ im Nationaltheater 

 

Vor Jahren sang sie nur die große Arie auf einer CD. An Silvester folgte der zweite Akt in einer Gala der Metropolitan Opera. Nun tastet sich Anna Netrebko an der Bayerischen Staatsoper mit ihrem Bühnendebüt in der für die Turandot nur ein paar Takte längeren Fragment-Fassung weiter an die anspruchsvolle Rolle heran. Das anstrengende, nach Giacomo Puccinis Tod von Franco Alfano komponierte und in München weggelassene Schlussduett folgt im Verlauf der Saison 2021/22 – wiederum in New York und womöglich ebenfalls mit ihrem unvermeidlichen Yusif Eyvazov.

Der Primadonnengatte war auch im Nationaltheater zu hören. Eyvazov wäre ein akzeptabler Kalaf jeder Repertoirevorstellung irgendwo auf der großen weiten Opernwelt. Aber er ist kein Tenor für Preise bis 343 Euro und Schampus aus der Anna-Netrebko-Special-Magnum-Flasche, dessen Ausschank ein laminiertes Pappschild im Foyer in deutscher, englischer und russischer Sprache für den Königssaal verspricht.

Ein Tenor ohne Thrill

Die Titelheldin hat im ersten Akt nur einen stummen Auftritt, der in Carlus Padrissas Inszenierung im Nationaltheater von einer Tänzerin des Opernballetts gedoubelt wird. Bis zur Mitte des zweiten Akts ist „Turandot“ schon bei Puccini eine Oper für auftrumpfende Macho-Tenöre. Eyvazov zählt dazu leider nicht. Er hat eine ordentliche, aber unsinnlich metallische Stimme. Aber es lässt sich bei bestem Willen nicht behaupten, dass er in den bombastischen Ensembles des ersten Akts vor dem Schlag auf dem Tam-Tam irgendwie faszinieren würde. Auch der Applaus nach „Nessun dorma“ gilt primär der berühmten Arie und weniger der unterentwickelten Gestaltungs- und Steigerungskunst dieses Sängers.

Zugegeben: Ein guter Kalaf ist schwer zu finden und Johan Botha, der beste der letzten Jahre, leider verstorben. Die Turandot wird meist Brünnhilden-Stimmen anvertraut. Die hat Anna Netrebko zwar nicht, dafür aber einen Sinn für Gestaltung und Ökonomie, der alles aus dieser Rolle herausholt. Denn die Russin mit österreichischem Pass gebietet nicht nur über die gleißenden Spitzentöne der chinesischen Eisprinzessin, sie kann auch musikalisch mit einiger Wärme ihren mitfühlenden Schmerz über die Gewalt deutlich machen, der ihrer Ahnin Lou-Ling angetan wurde und ihr Problem mit machistischen Männern nachvollziehbar macht.

Eine komplexe Figur

Das ist normalerweise vor lauter blitzendem Metall nicht zu hören. Anna Netrebko macht die Turandot zu einer komplexen Figur, die nicht nur aus Porzellan gemacht ist. Ihre Härte und Strenge wirkt mit einer Emotion unterlegt, die hochdramatischen Stimmen nicht immer gegeben ist. Den suggestiven Höhepunkt der Oper, wenn am Ende der Arie Kalaf mit Emphase die Herausforderung der drei Rätsel annimmt, kosten Netrebko und Eyvazov mangels tenoraler Masse allerdings nicht aus. Da hatte es auch der gehorsam folgende Dirigent Giacomo Sagripanti plötzlich sehr eilig.

Die Rätselszene gelingt Anna Netrebko suggestiv – sowohl in den extrem hohen wie den extrem tiefen Stellen. Nur das große Ensemble gegen Aktschluss wurde hin und wieder schon trompetenhafter überstrahlt. Im letzten Akt darf die Sängerin nur noch die Strenge ausspielen, die Liebe bleibt ihr im Fragment versagt.

Die Zuschauer feiern Selene Zanetti

Das Publikum reagierte vergleichsweise unterkühlt und schloss Selene Zanetti als Liu ins Herz. Sie hat eine schöne, klare Höhe und eine damit – zumindest bei ihrem Rollendebüt am Dienstag – nicht perfekt verbundene Mittellage, die durchaus an die Netrebko erinnert, wenn sie nicht ein wenig flackern würde.

Sonst regierte, auch im Bayerischen Staatsorchester, solide Routine und der musikalische Wille zum grellen Spektakel. Details waren auch schon bei der Premiere vor neun Jahren keine Stärke dieser Aufführung. Dass „Nessun dorma“ gegen die Partitur mit einem Konzertschluss endet, passt übrigens wie die Faust aufs Auge zum Original-Getue ohne eine Note von Herrn Alfano.

Noch einmal am 31. Januar und am 3. Februar im Nationaltheater, ausverkauft


 
Der neue Newsletter der AZ, "Kultur Royal" bietet jeden Donnerstag einen schnellen Überblick über das, was in der (Münchner) Kulturszene die Gemüter bewegt.
 
 

0 Kommentare