Bayerische Staatsoper A bissl was geht immer

OPERercussion, die Schlagzeuger des Bayerischen Staatsorchesters, vor dem leeren Zuschauerraum des Nationaltheaters. Foto: Wilfried Hösl

Die Staatsoper streicht den Stream eines Akademiekonzerts und überträgt stattdessen Lieder mit Christian Gerhaher, Beethoven mit Igor Levit und ein Quartett von Mozart

 

An der Online-Übertragung des Akademiekonzerts trotz der Schließung der Staatstheater festzuhalten, schien am Dienstag in der vorigen Woche noch richtig. Am Mittwoch, nach den ersten Corona-Fällen im Tonhalle-Orchester Zürich, war es mutiger als nötig. Spätestens ab dem Wochenende war dieses Konzert fahrlässig. Darüber, dass das Staatsballett noch bis vorgestern am Samstag „Schwanensee“ online mit 80 Musikern im Graben aufführen wollte, wollen wir lieber nicht reden: Tänzer lassen sich anscheinend nur schwer von der Selbstschädigung abhalten.

Am Montag, nach der Ausrufung des Katastrophenfalls, war das Akademiekonzert hinfällig. Aber die Staatsoper schaffte es, trotzdem an einem Livestream festzuhalten: mit Kammermusik aus dem Nationaltheater, als symbolträchtige Ermutigung. Und auch als kreatives Beispiel dafür, dass die Digitalisierung manches möglich macht, was anfangs unmöglich scheint.

Kammermusik aus dem Computer

Nikolaus Bachler, der Intendant der Staatsoper, sprach erst vor dem leeren Zuschauerraum einige aufmunternde Worte. Dann folgten Robert Schumanns „Lieder für die Jugend“ mit der Sopranistin Christina Landshamer, dem Bariton Christian Gerhaher und Gerold Huber am Klavier. Die drei Künstler bereiten eine Gesamtaufnahme aller Schumann-Lieder vor und nutzten den Stream für eine Generalprobe.

Etwas Besseres konnte nicht passieren. Der Zyklus preist erst den Frühling, durchschreitet die Jahreszeiten, wird kurz melancholisch und endet mit positiven Gefühlen. Gerhaher und Christina Landshamer gestalten die kunstvolle Kunstlosigkeit hinreißend und stoßen zu einer sensationellen Einheit aus Sprache und Melos vor. Dieser kammermusikalische Tonfall überwindet mühelos alle technischen Schranken. Gesang und Klavier klingen auf einem Computer mit oder ohne angeschlossenen Lautsprecher viel natürlicher, als das bei der Übertragung eines Orchesterkonzerts möglich wäre.

Die sehr geschickte, hochprofessionelle Kameraführung verstärkte die Intimität dieser Musik. Anschließend spielte das Schumann-Quartett des Bayerischen Staatsorchesters das wunderbare Quartett Nr. 14 in G-Dur KV 387 von Wolfgang Amadeus Mozart. Barbara Burgdorf, Traudi Pauer (Violine), Stephan Finkentey (Viola) und Oliver Göske (Cello) spielten den langsamen Satz hoch intensiv und kultivierten einen sehr orchestralen, üppigen Klang. Mozart berührt immer, aber selten so wie in dieser Aufführung.

Beethoven im leeren Nationaltheater

Auch hier hinterließ es einen starken Eindruck, dass die Musiker ihre Plätze im leeren Theater ohne Beifall und etwas zögerlich verließen. Dann folgten die bereits am Nachmittag aufgezeichneten Diabelli-Variationen mit Igor Levit. Der Pianist stürzte sich mit Vehemenz auf die schroffen, auf kleinstem Raum ausgetragenen Gegensätze, die dieses knapp einstündige Werk auf engstem Raum austrägt. Und weil Levit neben maximaler Ruhe auch viel Sinn für den grimmigen Witz mitbringt, ist er gegenwärtig der ideale Interpret für diese 33 Veränderungen, die einen Walzer auf vielen Umwegen in eine Doppelfuge und zuletzt in ein zartes Nachspiel verwandeln.

Auch hier gab es eine sehr überzeugende Bildregie mit einem Wechsel aus Nahaufnahmen durch das Klavier hindurch und Totalen des Pianisten vor dem Hintergrund des leeren Nationaltheaters.
Nach diesem Riesenwerk folgte noch ein heiteres Nachspiel der fünf exzellenten Staatsorchester-Schlagzeuger Claudio Estay, Thomas März, Marcel Morikawa, Maxime Pidoux, Carlos Vera Larrucea von OPERercussion. Erst gab es einen sehr fetzigen Bach und dann beste Laune mit „Spain“ von Chick Corea.

Eine Bedürfnis nach Trost

Knapp unter 50 000 Menschen schauten zu – zehnmal so viele, wie ein normales Akademiekonzert mit zwei Abenden im Nationaltheater erreichen würde. Denn es gibt ein Bedürfnis nach Ablenkung und Trost – zwar ohne das Gemeinschaftserlebnis eines Konzerts, aber doch mit einer Ahnung davon.

Die Staatsoper plant weitere Montagskonzerte live und kostenlos mit Künstlerinnen und Künstlern des Hauses. Es ist zwar verständlich, dass sich andere Häuser und große Orchester mit guten Gründen und aus Rücksicht zu einem kompletten Shutdown entschieden haben. Auch Nikolaus Bachler berichtete eingangs vom Aufenthalt einzelner Musiker in Risikogebieten. 

Aber die Bayerische Staatsoper bewies mit diesem Konzert: A bissl was geht immer.

Das Konzert kann als Video on demand unter www.staatsoper.de/stream abgerufen werden. Außerdem ist dort der Bartók-Doppelabend „Judith“ und Verdis „Il trovatore“ mit Anja Harteros und Jonas Kaufmann zu sehen

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading