Bahamas Wo Gott den Sonntag erfand

Nassau - Zaghaft tauchen die Paddel der Kajaks ins glasklare Wasser. Die Stille wird nur durch Plätschern unterbrochen. Links und rechts säumen Mangroven den Wasserweg, der enger und enger wird, bis sich die Wipfel der Pflanzen berühren und den Kanal zum Tunnel machen. Wir holen die Paddel ins Boot, lassen uns treiben und staunen. Wortlos zeigt Chad, unser Naturführer, auf die Wasseroberfläche. Im etwa zwei Meter tiefen Wasser schwimmen kleine Fische und Rochen. Im Schutz des hohen Wurzelwerks wachsen sie auf. Plötzlich lichtet sich das Dickicht, die Stille weicht dem Meeresrauschen: Vor uns liegt das Paradies.

 

Wir sind auf den Bahamas, einer Inselgruppe in der Karibik, zwischen Florida und Kuba gelegen. Genauer gesagt auf Grand Bahama, der viertgrößten der rund 700 Inseln und kleinen Inselchen, den sogenannten Cays. Nur 30 von ihnen sind ständig bewohnt, 16 sind touristisch erschlossen, und lediglich zwei - Paradise Island, auf der die Hauptstadt Nassau liegt, und Grand Bahama - prägen bis jetzt das Image.

Der Kanal mündet an einem weißen Puderzuckerstrand ins türkisblaue Meer. Treibholz und die kokosnussgroßen Schneckenhäuser der Conch sind hier gestrandet. Von Menschen keine Spur. Am Horizont brechen die Wellen am Riff. Wir steigen aus unseren Kajaks und bohren unsere Füße in den feinen Sand. So muss sich Christopher Kolumbus gefühlt haben, als er in Guanahani, dem heutigen San Salvador, im Jahr 1492 erstmals bahamaischen Boden und damit die Neue Welt betrat. Später wurden die Inseln zur britischen Kolonie, heute gehört der Staat zum Commonwealth of Nations.

Seit 26 Jahren hat Brendal Stevens seine Tauchschule

Wir schauen uns um und verstehen plötzlich, was uns Chad über die Entstehung der Inselgruppe erzählt hat: „Als Gott die Welt erschuf, bemerkte er am Abend des sechsten Tages, dass er noch keinen Platz zum Ausspannen hatte. Also schuf er die Bahamas.“

Die einsamen Strände und die Vielfalt der Unterwasserwelt haben die Inselgruppe zu einem beliebten Urlaubsziel gemacht. Beides entdeckt man am besten bei einer Bootstour. Auf der Insel Abaco stechen wir mit Tauchlehrer und Touristenführer Brendal Stevens in See. Seit 26 Jahren hat der Mittvierziger seine Tauchschule. Seine Vorfahren kamen nach dem US-Bürgerkrieg (1861-1865) als Sklaven auf die Bahamas. Dort versuchten die reichen Südstaatler, die aus den USA flüchteten, ihr Glück in der Landwirtschaft - und scheiterten. Sie kehrten zurück, ihre Sklaven blieben und waren fortan frei.

Brendal kennt die boomerangförmige Inselkette südöstlich von Grand Bahama genau. Abaco erstreckt sich über eine Länge von 210 Kilometern und ist gesäumt von 110 Cays. In der Sea of Abaco zwischen den Cays ist das Wasser flach und ruhig. An einer kleinen Insel gehen wir vor Anker und wagen mit Schnorchel und Taucherbrille einen Blick unter Wasser. Ein Stachelrochen hat sich im Sand eingegraben und beobachtet uns. Rund um die Insel wimmelt es von bunten Fischen. Wer Glück hat, sieht tellergroße Seesterne, Haie und Meeresschildkröten. „Die meisten Menschen kommen wegen des Wassers auf die Bahamas, zum Surfen, Hochseefischen, Schnorcheln oder Kajakfahren“, sagt Brendal. Die Riffe und Wracks locken vor allem Taucher an.

Piraten trieben im 19. Jahrhundert an den Küsten der Inseln ihr Unwesen

Zurück an Bord bereitet Brendal das Mittagessen vor und nimmt Kurs auf Manjack Cay. Bob Marleys „The Sun Is Shining“ klingt aus den Lautsprechern, als wir die unbewohnte Insel erreichen. „Viele glauben, sie kennen die Bahamas, wenn sie in Nassau waren, dort einmal mit dem Kreuzfahrtschiff angelegt und sich in den Trubel der Stadt gestürzt haben. Aber das hier sind die Bahamas“, sagt Brendal. Vor uns liegt ein unberührter Strand, der Sand noch weißer, die Seesterne noch größer und die Conch-Schnecken zahlreicher. Zwischen zwei Palmen baumelt eine Hängematte.

Brendal stellt einen verbeulten Topf in die Glut des Lagerfeuers und gart frisch gefangene Langusten und Red Snapper. „70 Prozent der Bahamaer sind Fischer“, sagt er. Überfischung könne eines Tages zum Problem werden: „Doch bisher dürfen hier trotz Begehrlichkeiten anderer Länder nur wir unsere Netze auswerfen.“ Ein noch größeres Risiko für die Riffe und die Natur seien die Hurrikane, die zwischen Mitte August und Anfang Oktober über die Inseln hinwegfegen.

Die meisten Touristen besuchen die Bahamas deshalb von Ende Oktober bis Ende Mai. Dann sind auch die sogenannten Snowbirds (Zugvögel) da. Zu ihnen zählen US-Amerikaner, Kanadier und Europäer, die ihren Zweitwohnsitz auf einer der Inseln der Bahamas eingerichtet haben und dort überwintern. Die meisten von ihnen haben sich auf den Cays bei Abaco niedergelassen, beispielsweise auf Ellbow Cay. Dort liegt das kleine Örtchen Hope Town - eine Ansammlung von bunten Holzhäuschen und kleinen Hotel­anlagen. Auf einem Hügel zwischen Palmen steht das Wahrzeichen der Stadt, ein rot-weiß geringelter Leuchtturm. Gegen seinen Bau im Jahr 1863 wehrten sich die Bewohner. Schließlich lebten die Landpiraten davon, Schiffe zu kapern, die im Riff vor der Insel auf Grund gelaufen waren.

Vom Leuchtturm aus hat man einen atemberaubenden Blick auf die Inselchen, das Riff, das türkisblaue Meer. Fünf Jahre muss man mindestens auf den Bahamas gelebt haben, um einen Einbürgerungsantrag stellen zu können. Wer hier oben steht, kommt in Versuchung: 365 Sonntage im Jahr - das wär’ schon was.

 

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