Bärenwald in Prishtina Ein Ort der Hoffnung - nicht nur für Bären

Bärenwald-Parkmanager Afrim Mahmuti Foto: Volker Isfort

Im Kosovo hat die Organisation Vier Pfoten ein Reservat für gequälte Bären geschaffen

Lange galt Prishtina als so etwas wie die Welthauptstadt der Non-Governmental Organizations (NGO). Denn im kleinen Kosovo war das Bestreben der Weltgemeinschaft riesig, nach Ende des Konflikts 1999 wieder so etwas wie Normalität herzustellen. Doch normal ist auch 16 Jahre später wenig in Europas jüngstem Staat. Nicht jede gut gemeinte Einmischung von außen hat dem Land gutgetan. Oft haben westliche Organisationen ihr Wunschbild einer bunten Gesellschaft, wie sie sie aus London, Berlin oder New York kennen, auf ein Land übertragen, das dafür noch gar nicht bereit war. Es gibt aber auch positive Beispiele wie den Bärenwald bei Prishtina. Dieser wurde gebaut mit den Geldern der international tätigen Organisation Vier Pfoten, die in Österreich ihren Stammsitz hat, aber auch Bärenparks in Deutschland, Bulgarien und neuerdings der Ukraine betreibt.
 

Afrims Haus war total verwüstet, als er aus dem Exil zurückkehrte
 

Afrim Mahmuti holt uns vom Hotel ab. Der 53-Jährige leitet den Bärenwald Prishtina. An seinem Leben lässt sich beispielhaft die Katastrophe erzählen, in die die Region durch die aggressive Politik von Slobodan Miloševic gestürzt wurde. Afrim Mahmuti gehört zur Mehrheit der albanischstämmigen Bevölkerung des Kosovo, die Anfang der 90er Jahre von der serbischen Minderheit aus dem öffentlichen Leben gedrängt wurde. Alle verloren ihre Arbeit, ob Beamte, Ärzte, Lehrer oder Krankenschwestern, sie wurden in eine Parallelgesellschaft gedrängt. Selbst Schulen für albanische Kinder gab es meist nur noch – verbotenerweise – in privaten Haushalten. Afrim Mahmuti verlor seinen Job in einer landwirtschaftlichen Kooperative und arbeitete im Untergrund für die NGO Mutter Teresa, die die Lebensmittelverteilung an die albanischstämmige Bevölkerung organisierte. 1993 schließlich, die Zeit wurde immer härter, sah er keine Möglichkeit mehr, seine Frau und seine drei Kinder zu ernähren. Die Familie floh in die Schweiz. „Ich konnte kein Wort Deutsch“, sagt Afrim Mahmuti nun mit leichtem schwyzerdütschen Akzent. „Aber mir war klar, dass ich diesen Zustand so schnell wie möglich ändern musste.“ Schon nach wenigen Wochen hatte er eine Stelle als Hausmeister gefunden, konnte mit seiner Familie die Sammelunterkunft verlassen und nahm nach der Arbeit Sprach- und Computerkurse.

Von der Schweiz aus verfolgte er, wie Ibrahim Rugova, der legendäre Schriftsteller mit dem roten Schal, als Präsident der Kosovo-Albaner, ebenfalls aus dem Exil heraus den passiven Widerstand gegen das von Slobodan Miloševic gesteuerte Regime organisierte. Und wie der Konflikt eskalierte. Erst 1999, nach Ende des Krieges, kehrte die Familie zurück nach Prishtina. „Mein Haus war vollständig geplündert und verwüstet, aber es war nicht zerstört“, sagt Afrim Mahmuti. Hunderttausende Rückkehrer aus Deutschland, der Schweiz, Mazedonien und Albanien fanden eine noch schlechtere Situation vor. Mahmuti fand eine Anstellung bei der Caritas, bei der er fast 12 Jahre lang arbeitete. Schließlich entdeckte er in einer Zeitung die Stellenanzeige von Vier Pfoten.
 

Das Parlament verbot die unwürdige Haltung der Bären

Das kosovarische Parlament hatte zwar im Jahr 2010 die unrühmliche Tradition der „Restaurantbären“ beendet, indem es ein Gesetz zum Verbot privater Bärenhaltung verabschiedete. Doch damit war das Problem noch nicht gelöst. Die Tiere, die meist ein halbes Leben lang zur Belustigung der Gäste in einem winzigen Käfig verbracht hatten, konnten schließlich nicht ausgewildert werden. Sie wären – da an die Nähe zu den Menschen gewohnt – eine zu große Gefahr für die Menschen geworden. Sie hätten andererseits aber auch keine Chance gehabt, zwischen den rund 70 im Kosovo noch lebenden wilden Bären ihren Platz zu finden.

Vier Pfoten pachtete ein 16 Hektar großes Waldstück, eine halbe Autostunde außerhalb von Prishtina und begann mit dem Aufbau des Bärenwaldes. Ein Paradies für 16 Bären, die sich in ihren weitläufigen Gehegen nun sichtlich wohlfühlen, auch wenn viele noch mit gesundheitlichen Problemen aus der langen Gefangenschaft zu kämpfen haben. Die Zähne der Tiere sind oft schlecht, ein Bär ist fast blind, einer läuft wie Rilkes Panther auf winzigem Radius hin und her, obwohl er nun genug Auslauf hat. „Es dauert sehr lange, bis die Tiere das Verhalten aus der Gefangenschaft abgeschüttelt haben“, sagt Mahmuti, „und nicht allen Tieren gelingt dies.“

Sehr genau haben er und seine Tierpfleger darauf geachtet, welche Kommunikation die Bären miteinander als Zaunnachbarn aufbauen – und welche Tiere man zusammenleben lassen kann. Im größten Gehege wohnen nun drei Bären auf 1,7 Hektar. Das bietet kein noch so tierfreundlicher Zoo. Erstmals hat sich im vergangenen Winter ein Bär eine Höhle gebaut und Winterschlaf gehalten, obwohl die Tiere dies durch die Gefangenschaft nicht mehr gewohnt waren. Deutlicher konnte der Bär seinen Pflegern nicht beweisen, wie gut es ihm nun geht.

 Rund eine Millionen Euro hat Vier Pfoten bislang in das Projekt im Kosovo gesteckt, um den Bärenwald aufzubauen und die Gehälter und das Futter für die Tiere zu bezahlen. Nicht nur für Afrim Mahmuti ist das ein Projekt, das weit über den Tierschutz hinausgeht. Im Bärenwald arbeiten junge Menschen verschiedener Ethnien, noch immer eine Ausnahme im Kosovo. Mahmuti schweigt eine Weile, als er über das Thema nachdenkt, dann sagt er: „Man darf die Vergangenheit auf gar keinen Fall vergessen. Aber man muss die Zukunft gestalten, damit dieses Chaos nicht immer weitergeht.“ Der Prishtina-Bärenwald ist jetzt ein Vorzeigeprojekt. „Wir haben elf Arbeitsplätze geschaffen – und das ist viel für eine Tierschutzorganisation. Die Jugendlichen, die Stellen im Bärenwald bekommen haben, sind Vier Pfoten sehr dankbar, denn zuvor hatten sie keine richtige Ausbildung und daher auch keine Perspektive“, sagt Afrim Mahmuti. Viele Schulklassen kommen inzwischen vorbei und lernen eine wichtige Lektion in Tierschutz und ethnischer Zusammenarbeit. Der Park ist fester Anlaufpunkt für Diplomaten aus der Hauptstadt und der im Kosovo stationierten Soldaten der KFOR. Auch für sie ist der Park ein Symbol für ein besseres Zusammenleben geworden.

Mittlerweile bringt Afrim Mahmuti Besucher im nächsten Dorf unter, einer serbischen Enklave. Jahre zuvor hätte er sich nicht einmal getraut, in dem Hotel auch nur zu Mittag zu essen. Als im Winter eine Art Massenflucht aus dem Kosovo nach Deutschland einsetzte, hat leider auch der Bärenwald einen Tierpfleger verloren, gelockt von Gerüchten, man bekäme schnell Arbeit, Wohnung und einen guten Lohn im Westen. Denn Kosovo ist immer noch das ärmste Land in Europa.

Afrim Mahmuti blickt lieber in die Zukunft: Ein Besucherzentrum ist geplant, vielleicht auch eine Erweiterung des Geländes. Eine neue Teerstraße zur Hauptstraße soll die zwei Kilometer lange Piste zum Bärenwald ablösen, was auch zu einer Steigerung der Besucherzahl – zuletzt 9000 im Jahre 2014 – führen würde. Zudem wird es internationale Jugendcamps geben. „Ich bin natürlich dankbar, dass Vier Pfoten das Projekt mit Spendengeldern betreibt“, sagt Mahmuti. „Aber ich arbeite dafür, dass wir unabhängig werden und mit Eintrittsgeldern den Bärenwald finanzieren können.“

Wir aber nehmen Afrim Mahmuti noch einmal mit in die Vergangenheit: Mit gemischten Gefühlen fährt er uns zur Gazimestan Gedenkstätte auf dem Amselfeld, ein Ort, den er seit 1989 nicht mehr betreten hat. Hier hielt Slobodan Milosevic am 28. Juni 1989 seine berüchtigte „Amselfeldrede“ und behauptete vor Hunderttausenden mit Bussen herbeigebrachten Serben, dass der Kosovo nicht nur ein Teil, sondern das Herz Serbiens sei. Unter den Albanern in Prishtina herrschte höchste Alarmstufe. „Wir haben Tage lang das Haus nicht verlassen vor lauter Angst, Opfer von Aggressionen zu werden“, sagt Afrim Mahmuti.

Ein Zaun sichert heute den Turm, das schlichte Denkmal für die Schlacht von 1389, als die Serben gegen das Heer des Osmanischen Reiches verloren. Wer das Gelände besichtigen will, muss beim Wache leistenden Polizisten seinen Ausweis abgeben. Vom Dach des Turmes aus blickt man auf das nahe Prishtina, die Ebene des historischen Kampfes und ganz am Horizont erahnt man den Wald, der viel mehr ist als ein Tierschutzgebiet. Es ist ein Ort der Hoffnung.

Vier Pfoten – Stiftung für Tierschutz. Spendenkonto: IBAN: DE302001 0020 0745 9192 02 BIC: PBNKDEFF

 

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