Bachs Weihnachtsoratorium im Gasteig Verrat, Enttäuschung, Hauen und Stechen

Der Münchener Bach-Chor Foto: Johannes Rodach

Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium ist heuer gleich dreimal in der Philharmonie zu hören

 

Im Münchner Bach-Geschäft war jeder schon mit jedem im Bett. Und bei so etwas gibt es immer „schmutzige Wäsche“. Dabei war die letzten 15 Jahre alles klar, wenn es um die Matthäuspassion oder eben das Weihnachtsoratorium in der Philharmonie ging: Der Münchener Bach-Chor war beim Konzertveranstalter Tonicale unter Vertrag, die dem Impresario Helmut Pauli gehört. Und der hatte immer den Abend des Vierten Advents als festen Termin im Gasteig.

Der zweite, oberbayerische Lokalmatador war Enoch zu Guttenberg. Mit seinem Orchester der KlangVerwaltung und seinem auf ihn fixierten Laienchor, der Neubeurer Chorgemeinschaft, belegte er den Abend vor Heiligabend in der Philharmonie. Doch jetzt gibt es Unruhe – oder besser Verrat, Enttäuschung und Hauen und Stechen.

Der Münchener Bach-Chor unter dem Leiter Hansjörg Albrecht hat die Tonicale von Helmut Pauli verlassen und ist – mit seiner die „Münchener Bachtradition“ unterstützenden Konzertgesellschaft – zur Konkurrenz übergelaufen: zu Hörtnagel Konzerte, die aber wiederum zu MünchenMusik gehören, hinter denen der Konzertveranstalter Andreas Schessl steht.

Verrat, Enttäuschung, Hauen und Stechen

Der wiederum hat bereits seit Jahren das Weihnachtoratorium mit der KlangVerwaltung am besagten 23. Dezember im Programm. Denn die macht auch nach dem Tod Guttenbergs im Juni 2018 weiter. Jetzt mit dem Philharmonischen Chor der Münchner Philharmoniker. Denn der Neubeurer Chor, der mit seinen 100 Sängerinnen und Sängern mit ihren ganzen Familien und Freunden mit Bussen anreiste und so schon die halbe Philharmonie belegte, wurde mit dem Tod Enoch zu Guttenbergs aufgelöst. Der Baron hatte das in seinem Testament so verfügt und damit eine Tradition beendet.

Wie aber verkauft man jetzt bei MünchenMusik in seinem Programm gleich zwei Weihnachtsoratorien im Programm als unterschiedliche Attraktionen? Bach-Chor und Orchester einerseits und einen Tag später die KlangVerwaltung ohne Guttenberg und jetzt mit dem Philharmonischen Chor andererseits? Dazu bekommt man eine weiche Aussage: „Bei unseren zwei Weihnachtsoratorien handelt es sich um Traditionskonzerte, die seit vielen Jahren ein fester Programmpunkt zur Weihnachtszeit in München sind. Es hat sich zufällig so ergeben, dass in dieser Saison beide bei uns teilverwandten Veranstaltern – MünchenMusik und Hörtnagel – zu Gast sind“, sagt die Pressesprecherin Bettina Weiss-Schaber von MünchenMusik.

Begehrter vierter Advent

Und was macht Helmut Pauli ohne den Bach-Chor? Bei ihm ist noch das Bach Collegium unter Vertrag, ein Orchester, das 1973 gegründet wurde, aus Musikern der Musikhochschule München, die dem Orchester auch treu blieben, wenn sie mittlerweile in einem der großen Münchner Symphonieorchester spielten: wie Florian Sonnleitner, der das Collegium von 1979 an leitete, bis auch er vor gut einem Jahr in den Ruhestand ging, aber weiter Mentor des Bach Collegiums bleibt. Mit diesem Ensemble hat sich Helmut Pauli entschieden, weiterhin ein Weihnachtsoratorium in der Philharmonie zu veranstalten.

Mit dem neu gegründeten Chor des Bach Collegiums – zusammengesetzt aus Studierenden der bayerischen Musikhochschulen. Und weil dieser Chor kein klassischer Laienchor ist, wird er mit 40 Sängern und Sängerinnen auskommen. „Man braucht Profi-Sänger, Profi-Musiker, sonst ist es eine Hobbyaufführung. Der Chorpart wiederum ist bei Bach so angelegt, dass auch ein Laienchor das überzeugend darbieten kann. Aber der Dirigent muss dann Profi sein“, sagt Pauli. Geleitet wird sein Konzert von Rubén Dubrovsky. Den Wiener habe Kirill Petrenko der Tonicale empfohlen haben, so der Veranstalter.

Bemerkenswert in all diesen Verschiebungen ist noch der Termin-Krimi: Traditionell hielt Helmut Pauli den Vierten Advent als Gasteig-Termin, wo er jetzt das Weihnachtsoratorium diesmal eben mit dem Bach Collegium veranstalten wollte. „Für das Weihnachtsoratorium ist der Vierte Adventssonntag der Idealtermin. Eine derartige Aufführung zur Einstimmung auf Weihnachten ist in der Regel auch Familiensache, da passt der Sonntag vor Weihnachten!“

Versuch unter erschwerten Umständen

Aber man hat ihm den Termin weggenommen: „Obwohl ich als Veranstalter ja den Saal gebucht und gezahlt habe, wird von der Gasteig GmbH das Ensemble eingetragen: also der Bach-Chor. Meinen Termin seit der Eröffnung des Gasteigs vor 40 Jahren hat man mir also unter fadenscheinigen Klimmzügen weggenommen.“ Also tritt in diesem Jahr am 22. Dezember wieder der Bach-Chor in der Philharmonie an, Pauli ist deshalb auf den kommenden Dienstag ausgewichen: Ist es ein Kaltstart? „Das klingt mir zu maschinell“, sagt Pauli: „Es ist aber ein Versuch unter erschwerten Wettbewerbsumständen. Aber für mich ist diese Alte Musik sinnstiftend, sie ist ein Motor meines Lebens und so mache ich weiter in bewährter Bach-Tradition in neuer Formation.“

Und je tiefer man in die Münchner Bach-Oratorien-Geschichte einsteigt, desto irrer wird es: Denn vor 40 Jahren startete Helmut Pauli seine Weihnachtsoratorien im Gasteig: mit Enoch zu Guttenberg am Pult und als Chor: den Bach-Chor!

So bleibt heute nur noch die Frage: Wie klingen jetzt die drei Aufführungen im Gasteig und wie unterscheiden sie sich? Das kann man eine Woche lang, von Dienstag bis Montag, erfahren. Und dazu gibt es noch zig weitere Weihnachtsoratorien in Münchner Sälen und Kirchen – bis hinein ins kleine Hofspielhaus, wo am Freitagabend Bachs Großwerk nur mit Violine und Klavier erklingt – und Studenten der Musikhochschule als Sänger auftreten. Aber die werden sicher auch noch bei anderen Großaufführungen mitsingen.

Die Auswahl ist groß, der Wettbewerb auch!


Profis, halbe Profis und Laien: Ein Versuch, sich im Dschungel der vielen Chöre in München zu orientieren

n München gibt es drei Chöre, deren Mitglieder hauptberuflich singen: der 49-köpfige Chor des Bayerischen Rundfunks sowie die beiden Opernchöre der Bayerischen Staatsoper (97 Mitglieder) und des Staatstheaters am Gärtnerplatz (44 Mitglieder). Wer hier singt, hat sich nach einer Gesangsausbildung an einer Musikhochschule gegen viele erstklassige Bewerber durchgesetzt und kann in besonders personenreichen Opern auch solistische Aufgaben übernehmen.

Aber nicht jeder, der bei Konzerten des BR-Chors auf dem Podium und bei den Theaterchören auf der Bühne steht, muss auch ein festes Mitglied sein: Bei besonders groß besetzten Oratorien wird der Chor des Bayerischen Rundfunks durch einen Konzertchor ergänzt. Die beiden Opernhäuser verfügen in ähnlicher Weise über einen Extrachor, der in besonders aufwendigen Werken wie den „Meistersingern von Nürnberg“ mitwirkt.

Die Mitglieder des Konzertchors und der Extrachöre singen nicht hauptberuflich. Aber sie haben ebenfalls Gesang oder auch Schulmusik studiert. Manche von ihnen leiten selbst Laienchöre. Gleiches gilt für die formal semi-professionellen 90 Mitglieder des Philharmonischen Chors, der von den Münchner Philharmonikern auf Honorarbasis gebucht wird, aber in den letzten Jahren auch verstärkt ohne das Orchester der Stadt im In- und Ausland auftritt.

Andreas Herrmann, der seit 1996 den Philharmonischen Chor leitet, ist selbst freiberuflicher Musiker in seiner Doppelrolle als Chordirektor der Münchner Philharmoniker und Professor für Dirigieren und Chorleitung an der Münchner Hochschule für Musik und Theater. Die 90 Sänger des Philharmonischen Chors stehen auch nicht bei jedem Konzert alle auf der Bühne, und wie bei den Profi-Chören gibt es einen Pool von Sängern, die bei einer Großbesetzung hinzutreten.

Andere Chöre in München wie der von der evangelisch-lutherischen Landeskirche geförderte Münchner Motettenchor und der Münchner Bach-Chor sind als Verein organisiert. Beide Chöre sind Laienchöre. Aber sie werden professionell von Stimmbildnern und Gesangslehrern unterstützt – was nicht ganz billig ist und beim Bach-Chor vom Kunstministerium unterstützt wird.

Daneben gibt es in München viele weitere, größtenteils exzellente Chöre, die sich um charismatische Leiter im Umfeld von katholischen und evangelischen Kirchen gebildet haben. Andere Chöre existieren auch unabhängig von einem religiösen Feld – wie etwa der 1972 gegründete via-nova-chor, der Komponisten ein Forum zur Aufführung neuer Chorwerke gibt und viele internationale Preise gewann.

Chorgesang ist beliebt, auch bei jüngeren Leuten. Insgesamt singen in Deutschland rund 3,3 Millionen Menschen in mehr als 61 000 Chören. Was nachgelassen hat, ist die Bereitschaft, sich langfristig an Gesangsvereine zu binden. Daher formieren sich immer wieder Projektchöre, die in Einzelfällen semi-professionelles oder auch professionelles Niveau erreichen, wie etwa die Audi-Jugendchorakademie, mit der Kent Nagano immer wieder zusammenarbeitet. Sie wird von Martin Steidler geleitet und bringt gesangsbegeisterte Laien und junge Studierende zusammen.

Auch der Chor, der am 17. Dezember mit dem Bach-Collegium das Weihnachtsoratorium aufführen wird, ist ein solcher Projektchor: Er setzt sich Studierenden der Bayerischen Musikhochschulen München, Nürnberg, Würzberg zusammen. Und wenn Konzertbesucher mit gutem Personengedächtnis etwa beim Bach-Chor einen Sänger entdecken, der ihnen irgendwie bekannt vorkommt, kann das schon sein: Es gibt gesangsbegeisterte Profis und Laien, die zum Pool mehrerer Ensembles gehören und immer gerne aushelfen, wenn es bei den besonders gefragten Stimmlagen Tenor oder Sopran Not am Mann oder der Frau gibt.
 


 
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