AZ vor Ort Spurensicherung in Aktion: Was wirklich am Tatort abgeht

Tatort ADAC in der Ridlerstraße: Einbruchsversuch an einer Tür. Mit einer Spritzpistole trägt Johann März eine Paste auf, mit deren Hilfe es möglich ist, DNA und Hebelspuren zu sichern. Foto: Ralph Hub

Bei der Spurensicherung ist Präzision gefordert. Ein falscher Handgriff am Tatort könnte die Aufklärung eines Verbrechens verhindern. Die AZ ist mit dabei.

 

München - Die Aufklärungsquote der Münchner Polizei liegt im Vergleich zu anderen deutschen Großstädten deutlich über dem Durchschnitt. Ein Erfolg, der nicht zuletzt auf die akribische Tatortarbeit der Spurensicherung zurückzuführen ist. Rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr, stehen die Spezialisten des K92 bereit. Die AZ hat einen von ihnen bei der Arbeit begleitet.

Einbrüche gehören bei der Spusi, der Spurensicherung, zum Tagesgeschäft. Im Büro eines Kfz-Schilderhändlers in der Westendstraße sind über Nacht mehr als 10.000 Euro verschwunden. Für Johann März, seit zehn Jahren bei der Spusi, der erste Fall des Tages. Die Firmenchefin ist geschockt: "Normalerweise haben wir nicht so viel Geld im Büro", erzählt sie.

Zufall, oder hatte der Täter einen Tipp bekommen? Vor sechs Monaten ist dort schon einmal eingebrochen worden. Johann März (51) beschäftigt die Frage, wie der Täter diesmal ins Gebäude kam. Die Hintertür ist jedenfalls unversehrt. An der Vordertür gibt es keine Schäden. Auf Knien untersucht März die Unterkante der Metalltür, er prüft den Schließriegel auf Schäden und den Sperrmechanismus der Doppeltür. Nichts Verdächtiges.

Die Spurensicherung kennt die Tricks der Einbrecher

Der Mann von der Polizei findet keine frischen Hebelspuren, was den Fall ziemlich mysteriös macht. Im Krimi hätte der TV-Kommissar längst eine brillante Idee. "Da sind die Kollegen von der Spusi meist die Deppen, die auf Kommando springen", sagt Johann März. "Wir laufen auch nicht ständig im weißen Overall herum."

Echte Tatortarbeit sieht anders aus. Es ist Millimeterarbeit bei höchster Konzentration. März macht sich in Ruhe ein Bild, dann beantwortet er die Fragen seiner Kollegen. Er ist der Fachmann – derjenige, der so ziemlich alle Tricks kennt, die Einbrecher auf Lager haben. Der 51-Jährige macht schweigend seinen Job.

Sorgfalt ist sein oberstes Gebot. "So ein Tatort ist schnell kontaminiert, wenn man nicht aufpasst", sagt er. März nimmt Fingerabdrücke an einer Geldkassette. Er versucht, DNA zu sichern und sieht sich jeden Winkel des Büros an: Schreibtische, Schränke, selbst die Kaffeeküche. Ist das Spurenbild schlüssig? Die Dinge, die nicht ins Bild passen, machen März besonders neugierig.

München: Mehr als ein Dutzend Einbrüche täglich

So wie in diesem Fall: Es gibt keine Einbruchsspuren. Was vermuten lässt, dass der Täter die Eingangstür unauffällig präpariert haben dürfte. Vermutlich geschah das bereits während der Geschäftszeiten. So, dass er später beim Einbruch in der Nacht die Tür nur mehr mit einem Ruck aufziehen musste.

Alle gesicherten Spuren landen in Plastiktütchen. Diese steckt März in eine großes Kuvert. Alles ist sorgfältig beschriftet, damit später bei der Auswertung und im Labor nichts durcheinander kommt. Drei weitere Einbrüche aus der vergangenen Nacht werden an das K92 gemeldet. Im Schnitt werden in München in 24 Stunden mehr als ein Dutzend Einbrüche gemeldet.

Zum Beispiel dieser: Beim ADAC in der Ridlerstraße hat jemand versucht einzusteigen, scheiterte aber an den massiven Außentüren. Das Präsidium bekommt Johann März bis zum Nachmittag nicht zu sehen. Er fährt von einem Tatort zum nächsten. Eine Menge ist momentan los, denn Ferienzeit ist Einbruchszeit. Viele Münchner sind im Urlaub, die Gauner haben in den leeren Wohnungen freie Bahn.

Spusi München: "Goldener Spaten" für März und Co.

Nachmittags in März' Büro fällt die große Pinnwand hinter seinem Schreibtisch auf, daran hängen Skizzen einer Frau. An ihrem Hals und Oberkörper sind Verletzungen mit rotem Stift markiert. "Das sind keine Stich-, sondern Bisswunden", erzählt der Kriminalhauptkommissar. Spätestens jetzt ist klar, Johann März hat auch mit recht bizarren Fällen zu tun. Die gebissene Frau wurde Opfer ihres Freundes und dessen ungezügelter Leidenschaft. Als sich die beiden liebten, ging mit ihm das Temperament durch. Er biss zu. Die Folge waren einige schmerzhafte Wunden. Die Frau zeigte ihn wegen Körperverletzung an.

Gleich neben den Skizzen hängt ein Gartenschäufelchen an der Pinnwand, der "goldene Spaten". Ihn bekam Johann März von Kollegen verliehen für seine Hilfe bei der Aufklärung eines der absonderlichsten Mordfälle der vergangenen Jahrzehnte in München. Eine Studentin enthauptete 2008 in ihrem Haus in Haar ihren gefesselten und nackten Freund auf dem Bett.

Erst acht Jahre später, 2016, wurde das Verbrechen entdeckt. Die Täterin hatte die Leiche mithilfe eines Bekannten im Garten verbuddelt und an der Stelle einen Komposthaufen angelegt. Jahre später feierte sie an der Stelle mit ihrem neuen Freund Hochzeit nach buddhistischem Ritus. Als die Leiche 2016 gefunden wurde, war die Spusi am ersten Tag mehr als zwölf Stunden ohne Pause im Einsatz. "Eine kopflose Leiche, verbuddelt unter einem Komposthaufen, so etwas vergisst man nicht", sagt Johann März.

Spusi München: Auch ein Tatort hinterlässt Spuren

Egal für wie schlau sich ein Verbrecher hält, es ist nahezu unmöglich, am Tatort keine Spuren zu hinterlassen. Blut, Schweiß, ein paar Hautschuppen genügen – schon hat man seine DNA. "Die obersten Hautschichten regenerieren sich ständig", erklärt Johann März, "jeder von uns verliert deshalb permanent Hautschuppen".

Um das zu verhindern, müsste man in einem Overall herumlaufen, Beine und Ärmel abgeklebt und dicht verschlossen, dazu Handschuhe und eine undurchlässige Schutzmaske über Kopf und Gesicht. Selbst dann können Täter nicht sicher sein, keine Spuren hinterlassen zu haben. Auch an Opfern, an deren Kleidung und am Körper können mikroskopisch kleine Spuren und DNA anhaften. Wenn es zu Körperkontakt zwischen Täter und Opfer kommt, ist damit meist auch eine wechselseitige Übertragung von Spuren verbunden.

Auch ein Tatort hinterlässt Spuren. Winzige Partikel, Fasern, Erde an den Schuhsohlen oder Ähnliches. "Die Kunst besteht darin, diese kleinsten Rückstände aufzuspüren, zu analysieren und einem Verdächtigen zweifelsfrei zuzuordnen", so März. Der Westend-Entführer beispielsweise hinterließ eine Autobahn an Spuren. Der Täter entführte 2015 die Frau eines Bankers, um von ihm Lösegeld zu erpressen.

Opfer von Einbrüchen sind oft schwer traumatisiert

Johann März: "Als ihm das Opfer auf einem Parkplatz im Westend entwischte, rutschte ihm das Magazin aus seiner Softairwaffe, das war skurril." Der Entführer war nicht nur unvorsichtig, sondern auch brutal. Er hatte die Familie zuhause überfallen und den Sohn an einen Heizkörper gefesselt zurückgelassen. "Ich war erschüttert, angesichts dieser Brutalität", sagt der Kriminalhauptkommissar.

52 Mitarbeiter umfasst das Kommissariat K92, eine der größten Dienststellen im Präsidium. München leistet sich den Luxus einer Spurensicherung, die rund um die Uhr zur Verfügung steht. Sogar nachts sind zwei Leute ständig in Bereitschaft. Und das nicht nur für Kapitalverbrechen wie Mord, Vergewaltigung oder Raub.

Ausgerückt wird, wenn die Chance besteht, verwertbare Spuren zu sichern. Man stelle sich vor, jemand kommt Freitagabend aus dem Urlaub, merkt, dass eingebrochen wurde. Er ruft die Polizei. Dort bekommt er gesagt, "lassen Sie alles so wie es ist, wir kommen am Montag".

In München ist das unvorstellbar. Opfer von Einbrüchen sind oft schwer traumatisiert. Manche könne ihre Wohnung nicht mehr betreten. "Sie fühlen sich nicht sicher, manche mussten deshalb sogar umziehen", berichtet März. "Die Vorstellung, dass fremde Menschen in ihrem Schlafzimmer waren, in der Unterwäsche herumgewühlt haben, quält Manche ein Leben lang."

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