AZ-TV-Kritik "Kästner und der kleine Dienstag": Dieses Gewissen hat Locken

Ein Autor und sein junger Verehrer: Erich Kästner (Florian David Fitz) und Hans (Nico Kleemann). Foto: ARD Degeto/Ester.Reglin.Film/DOR Film/Anjeza Cikopano

"Kästner und der kleine Dienstag" erzählt die wahre Geschichte vom Kinderbuchautor und einem jungen Leser – und vom Überleben in der Nazi-Zeit.

 

"Da hat sich aber einer in dein Herz geschlichen", stellt der Zeichner Erich Ohser fest. Und wer würde bei dem treuherzigen Blick des jungen Wuschelkopfs Hans Löhr (Nico Ramon Kleemann) nicht weich werden?

Nach einigem Zögern erliegt also Erich Kästner (Florian David Fitz) dem begeisterten Charme des eifrigen Lesers, der in dem erfolgreichen Autor von "Emil und die Detektive" auch eine Vaterfigur sieht. Hans darf sogar schon mal das Skript zum noch unveröffentlichten "Fliegenden Klassenzimmer" lesen. Dann verhilft Kästner ihm zu einer Rolle in der Verfilmung des "Emil", und fortan heißt Hans nach seiner Filmfigur nur noch "Der kleine Dienstag".

"Emil" muss weichen – "Mein Kampf" kommt in die Schaufenster

Regisseur Wolfgang Murnberger erzählt in "Kästner und der kleine Dienstag" die rührende Geschichte einer Schriftsteller-Leser-Bindung – und davon, wie der pazifistische Moralist Erich Kästner in der Nazi-Zeit in Berlin überlebt.

Zu Beginn werden noch die wilden 20er in Berlin gefeiert, doch bald werden ganze Gesellschaftsgruppen ausgegrenzt und verfolgt. Nazi-Schergen räumen "Emil und die Detektive" aus dem Schaufenster im Buchladen und stellen "Mein Kampf" an Emils stelle. Ein Buch, das die Freundschaft feiert, muss einem Buch weichen, das die Unmenschlichkeit propagiert.

Während viele von den Nazis verbotene Autoren wie Tucholsky und die Mann-Brüder das Land verlassen haben, wollte Kästner bleiben – unter anderem, um irgendwann als Chronist den großen Roman über diese finstere Zeit schreiben zu können. Oder, wie er später dem nun schon jugendlichen kleinen Dienstag (Jascha Baum) sagt über seine Gründe, in Deutschland zu bleiben: "20 Prozent Trotz, 20 Prozent Feigheit, 20 Prozent Faulheit, zehn Prozent Dummheit, fünf Prozent Heldenmut. Und 100 Prozent, weil es meiner alten Mutter in Dresden das Herz brechen würde."

Also duckt sich Kästner weg, so gut es geht, muss lange Verhöre durch die Gestapo über sich ergehen lassen und versuchen, den kleinen Dienstag zu schützen. Denn wer sich mit "verbotenen" Schriftstellern sehen lässt, begibt sich in Gefahr.

Aus dem Moralisten und Pazifisten Kästner ist ein unpolitischer Unterhaltungs-Autor geworden, der Drehbücher für Heinz Rühmann schreibt. Und der kleine Dienstag wird immer wieder zu Kästners Gewissen, indem er den Dichter mit seinen früheren mahnenden Versen konfrontiert, die er auswendig aufsagt. "Kästner und der kleine Dienstag" (Drehbuch: Dorothee Schön) erzählt vor dem Hintergrund von Gewalt und Krieg von Menschlichkeit und Freundschaft. Zum starken Ensemble gehören Catrin Striebeck als Kästners Verlegerin Edith Jacobsohn, Hans Löw als Erich Ohser und Martin Brambach als Caféhaus-Kellner Nietenführ.

Natürlich kann man zu dieser Sendezeit das Grauen der Nazizeit und des Krieges nur andeuten. Doch die bedrückende Stimmung, Angst und Beklemmung sind allgegenwärtig. Das fiese Antlitz der neuen Zeit ist der Lehrer Müller (Arnfried Lerche), der mit großem Lächeln der Klasse das Verschwinden ihrer jüdischen Mitschüler erklärt.

Spätestens bei den Einblendungen am Schluss, die vom Schicksal der wirklichen Personen, den Vorlagen der Filmfiguren, erzählen, möchte man weinen. Und zum Ausgleich sofort "Das fliegende Klassenzimmer" ansehen.


ARD, Donnerstag, 20:15 Uhr

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