AZ-Serie zu den Kultlöwen Petar "Radi" Radenkovic: Der König von Giesing

Torwart-Legende beim TSV 1860: Petar Radenkovic. Foto: imago/Kicker/Metelmann

Geht es um 1860-Legenden, kommt man an einem nicht vorbei: Petar "Radi" Radenkovic. Der letzte Teil der AZ-Serie über den Torwart, der wie kein anderer für die große Sechzger-Zeit steht. Der kultigste Löwe.

 

München - Der Radi, logisch, wer sonst. Sucht man nach einem Kultlöwen auf der Torwartposition, geht es einem wie früher seinen Gegenspielern: Man kommt nicht an ihm vorbei.

Freilich, die Löwen hatten auch nach ihm noch viele gute und verdiente Torhüter. Thomas Zander, den Elfertöter mit den blonden Schnittlauchhaaren Anfang der Achtziger. Rainer Berg, den Aufstiegshelden, und den viel zu früh verstorbenen Bernd Meier. Gabor Kiraly noch, den knorrigen Ungarn mit der lustigen Schlabberhose. Und nicht zu vergessen den unvergessenen Henri Francillon, den Schlussmann Haitis, der nach seinen grandiosen Spielen in München bei der WM 1974 zu 1860 kam, nach einer Saison zurückging in seine Heimat, in den politischen Wirrnissen rund um Diktator Baby Doc in die USA floh und dort als Putzmann in der Nähe von Boston sein Geld verdiente. Aber an den Radi kamen sie alle nicht ran.

Vor fünf Jahren traf man sich mit dem Radi zum bislang letzten Mal, kurz vor seinem 80. Geburtstag, ein wunderbarer Spätsommertag im schattigen Hinterhof einer Osteria in der Amalienstraße. Petar Radenkovic bestellte sich ein Carpaccio, das eine Stunde lang unberührt vor ihm stand, weil er aus dem Reden gar nicht mehr herauskam. Weil er erzählte von den alten Zeiten, bis ganz früh zurück zu seiner Jugend in Belgrad, von seinem Vater Rasa, dem damals populärsten Sänger Jugoslawiens, der manchmal Lieder von der Donau sang, von der Liebe und manchmal auch von Tschetniks. Im Sommer 1939 gingen der Vater und die Mutter auf Tournee in die USA, der kleine Petar, damals vier, blieb bei der Oma. Dann aber begann der Krieg, die Eltern blieben in Amerika, auf Belgrad fielen viele Bomben, in einer Nacht 1941 starben nach Luftangriffen mehr als 2.300 Menschen.

FC Bayern lehnte Radenkovic ab

Radenkovic schilderte auch die Zeit nach dem Krieg, wie ihn sein Onkel Buda, ein Jugendtrainer, mit zum Fußball nahm, wie er erst Stürmer werden wollte, dann bei OFK Belgrad aber plötzlich im Tor stand, wie er mit Jugoslawien 1956 Olympia-Silber in Melbourne holte. Dann, nach abgeleistetem Militärdienst aber, war sein Platz im OFK-Tor vergeben, wütend setzte er sich in den Zug nach München, weil er zum FC Bayern wollte. Dort spielte sein alter Kumpel Milos Milutinovic, der ältere Bruder des späteren Trainers und Weltenbummlers Bora. Doch die Bayern ließen ihn nicht mittrainieren, nicht einmal bei der Reserve.

Radenkovic zog weiter nach Worms, dann holte ihn Max Merkel zu den Löwen, als Merkel bei den Vertragsverhandlungen fragte, wie viel er denn verdienen wolle, sagte Radenkovic: "Machen wir so: Gehen Sie erst schauen den Radi im Spiel! Dann reden über Marie, ja? Wollen Sie doch nicht kaufen Katze im Sack, oder?" Dann schaute Merkel den Radi im Spiel, und als sie nochmal über Marie redeten, war Katze im Sack. Und Radi ein Löwe.

"Bin i Radi, bin i König"

Tief beeindruckt zeigte sich der Neuzugang freilich über die phänomenale Kondition seiner neuen Mitspieler. Bei einem Wiesn-Besuch. Hinsichtlich der Trinkfestigkeit. "Wir saßen im Bierzelt", erzählte er damals, "links von mir der Rudi Brunnenmeier, er trank drei Maß, rechts der Stemmer Fonsi, der kam auf sieben Maß. Ich dachte mir, um Himmels willen, was ist denn das für eine Mannschaft." Es war und wurde eine sehr gute, auch dank Radenkovic, der das Torwartspiel neu definierte, sich bis zur Mittellinie wagte und darüberhinaus. Der Radi stürmte nicht nur in des Gegners Hälfte, er stürmte auch die Charts, "Bin i Radi, bin i König" verkaufte sich mehr als 400.000 Mal, in den Top Ten lag die Single vor den Beatles.

Pokalsieg 1964, Wembley 1965, Meisterschaft 1966, es war die große Glanzzeit der Sechzger, eine lustige Zeit obendrein. Einmal im Trainingslager am Deininger Weiher sei ihnen langweilig gewesen, da hätten sie eine Massenschlägerei vorgetäuscht, sich Verbände um den Kopf gewickelt. Einige wie der Radi malten sich mit roter Tinte einen Fleck auf die Stirn, und so erschienen sie dann vor dem schockierten Präsidenten Adalbert Wetzel. "Einfach so", sagt Radenkovic, "nur aus Gaudi." Worüber man damals halt eben so lachte.

Radenkovic geht nicht mehr zu den Sechzig-Spielen

Mit der Gaudi war's dann aber wieder dahin, nach der Vizemeisterschaft 1967 bröselte die Mannschaft langsam auseinander, 1970 stieg der Löwe ab in die Zweitklassigkeit, bald ist das 50 Jahre her. Der Radi war damals 35, er beendete die Karriere, eröffnete später eine Pilsbar in Unterschleißheim und übernahm in München das Hotel "König". Und immer noch war er seinen Sechzgern eng verbunden, er verfolgte das Auf (manchmal) und Ab (meistens) seines Klubs, mischte sich immer wieder ein, verstand aber nicht, wie sich der Löwe immer so zielsicher selbst zerfleischen konnte. Jetzt zu seinem Fünfundachtzigsten zitierte ihn eine Zeitung, dass er sehr enttäuscht sei von der Führung der Löwen, und deswegen auch nicht mehr zu den Spielen ins Sechzgerstadion gehe.

Mit seiner zweiten Frau Slobodanka (seine erste große Liebe Olga, die Mutter der beiden Töchter Petra und Darinka, starb 2009) lebt der Radi inzwischen in Belgrad. In München hat er auch noch eine Wohnung, manchmal kommt er noch her. Nicht mehr zu Sechzig-Spielen. Lieber auf ein Carpaccio in der Amalienstraße.

 

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