AZ-Serie: Wege zur Pflege Pflegenotstand: Vom Traumjob zum Albtraum

In Deutschland fehlen 130000 Pflegekräfte. „Aber anstatt die Azubis wert zu schätzen, werden sie oft verheizt“, sagt Simone Heimkreiter. Foto: HO

Eine Pflege-Dozentin erklärt, warum gerade Auszubildende häufig überfordert sid

München - Mein Traumjob ist zum Albtraum geworden.“ Viel zu oft hat Simone Heimkreiter diese Aussage schon von ihren Schülern gehört. Dabei unterrichtet die 44-Jährige junge, eigentlich hoch motivierte Menschen, deren Engagement die Gesellschaft dringend braucht:

Sie ist Dozentin an mehreren bayerischen Pflege-instituten. Zu einer Zeit, in der deutschlandweit bis zu 130000 Pflegekräfte fehlen. „Aber anstatt die Auszubildenden wert zu schätzen, werden sie oft gnadenlos verheizt“, sagt sie bitter. Das Resultat: Manche brechen die Ausbildung ab, andere schmeißen den Job nach wenigen Jahren (im Schnitt sind es 8,5) wieder hin.

Die Betriebswirtin, die früher selbst ein Pflegeheim geleitet hat, sieht im Umgang mit dem Nachwuchs deshalb eine der Hauptursachen für viele Mängel im aktuellen Pflegesystem. „Natürlich kommt da vieles zusammen“, sagt Simone Heimkreiter. „Die Kontrollen des MDK sind häufig ineffektiv.

Viele Angehörige trauen sich nicht, auf Missstände hinzuweisen. Dann ist da die Gesellschaft, denen die Alten offenbar zu wenig wert sind.

Letztendlich sind alle zusammen Schuld an der Misere.“ Aber die fange eben schon bei der Ausbildung an. „Es ist nicht unüblich, dass eine ausgelernte Fachkraft in einem Heim zehn Patienten zu versorgen hat. Die schafft das auch, aber ein Auszubildender ist damit überfordert.“

Trotzdem müssten die Schüler häufig Fachkräfte ersetzen, Tabletten austeilen (was sie eigentlich gar nicht dürfen), und würden teils sogar als Schichtleitung eingesetzt. „Dann stehen diese jungen Leute völlig verunsichert vor mir und fragen: Was soll ich denn machen? Was darf ich überhaupt?“ Sie seien mit der Verantwortung für hilflose, verwirrte Menschen, auch für Sterbende, allein gelassen – und überfordert. „Das ist dem Azubi gegenüber unfair und den Patienten gegenüber noch viel mehr.“

Dabei ist gesetzlich vorgeschrieben, dass den Auszubildenden eine Fachkraft zur „Praxisanleitung“ zur Seite stehen muss. Ein Profi, der dem Nachwuchs zeigt, wie man einen Demenzpatienten beruhigt; wie man jemandem Essen verabreicht, ohne dass sich derjenige verschluckt; wie man einen alten Menschen vom Bett in den Rollstuhl hebt.

„Ich kenne eine große Psychiatrie in München, die stellt die Fachkraft für diese Aufgabe sogar frei – und die Azubis bleiben. Von den anderen Heimen würde ich mir wünschen, dass sie sich wenigstens ans Gesetz halten.“

Was noch helfen könnte, die Situation in den Pflegeheimen zu entlasten: „Wir brauchen überall einen Personalschlüssel von 1:2“, sagt die Expertin. Der sei bislang nur in der Gerontopsychiatrie vorgeschrieben – und die Realität sehe häufig ganz anders aus.

Simone Heimkreiter: „Vormittags kümmern sich zwei bis drei Kräfte um 25 Bewohner. Nachmittags sind es maximal zwei. Und nachts wird ein ganzes Haus mit 70, 80 Leuten von zwei Kräften betreut – wenn Sie Glück haben.“ Dass sich an der Gesamtsituation nichts ändert, sei auch Schuld des Pflegepersonals, das sich oftmals ausbeuten lasse, ohne aufzumucken. „Lernt, nein zu sagen“, rät Simone Heimkreiter ihren Schülern deshalb immer wieder. „Wir brauchen mehr Revoluzzer in der Pflege!

 

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