AZ-Serie: Wege zur Pflege Im Pflegeheim: Wehrlos ausgeliefert

In Deutschland sind mehr als 2,5 Millionen Menschen pflegebedürftig. Rund ein Drittel ist in Heimen untergebracht – wie diese Seniorin. Foto: dpa

Fünf Jahre lang hat Sabine B. ihre Mutter täglich in einem mit „sehr gut“ bewerteten Pflegeheim besucht. Sie sagt: „Mit Würde hat der Alltag dort wenig zu tun“

 

München - Das schlechte Gewissen, das hat Sabine B. bis heute. „Rückblickend würde ich meine Mutter nie mehr in dieses Heim geben“, sagt die 57-Jährige. „Wahrscheinlich auch in kein anderes Heim. Ich würde versuchen, eine Lösung zu finden, sie zu Hause zu pflegen. Mit meinem Mann, einer Pflegekraft, irgendwie.“

Dabei hat Sabine B. ihre demente Mutter täglich besucht, fünf Jahre lang, bis auf zwei Wochen Urlaub. Sie hat ein Heim ausgesucht, das gute Bewertungen hatte. Trotzdem sagt sie heute: „Mit Würde hat der Alltag dort wenig zu tun.“

Es war ein Hausunfall, der das Leben der 83-jährigen Helga B. plötzlich veränderte. Schwere Verbrennungen zog sich die Frau zu. Ihr Körper erholte sich leidlich, ihr Geist gar nicht. Schon vorher war Helga B. verwirrt, nun schritt die Demenz schnell voran.

2008 entschied Sabine B., ihre Mutter in ein Pflegeheim zu geben. Die damals 52-Jährige war voll berufstätig, ihre beiden Kinder waren in der Ausbildung. „Natürlich haben wir auch überlegt, sie zu uns zu holen.“ Doch es war dort wenig Platz, es gab kein ebenerdiges Bad. „Ich dachte, wenn ich in der Nähe ein gutes Heim finde, ist das die beste Lösung.“

Helga B. war keine arme Frau, sie war die Witwe eines Beamten. Im Münchner Süden fand SabineB. das Heim eines privaten Trägers. Dort wirbt man mit dem schönen Garten, mit „Lebensfreude und Lebensqualität“, preist in Prospekten die warmherzige Betreuung und vielfältige Beschäftigungsangebote an.

Das Heim ist TÜV-zertifiziert, der MDK bewertet es mit „sehr gut“. „Ich wusste damals nicht, dass das im Grunde nicht viel bedeutet“, sagt Sabine B. Rund 3800 Euro kostete der Platz für Helga B. Sie hatte Pflegestufe3: Sie saß im Rollstuhl, den sie nicht selbst bewegen konnte, brauchte Windeln, konnte sich nicht waschen, kaum alleine essen.

Dank Beamtenbeihilfe bekam sie von der Kasse rund 1600 Euro, rund 2200 musste sie aus eigener Tasche bezahlen.

Von Anfang an kam SabineB. jeden Nachmittag zu ihrer Mutter, auch ihr Mann und die Kinder waren viel bei Helga B. Für die Familie war es ein täglicher Kampf: „X-Mal kam ich rein und meine Mutter hatte die Windel voll, ich weiß nicht, wie lange schon.

Alleine der Geruch, wenn man das Heim betritt, sagt schon viel.“ Einer der Bewohner zog sich immer wieder die Hose aus. „Der saß dann halt ohne Hose im Aufenthaltsraum. Wenn ich einen Pfleger darauf aufmerksam machte, hieß es nur: ,Der schon wieder!’“

Einmal die Woche wurde geduscht. „Aber bei jemandem, der Windeln tragen muss, reicht das doch nicht.“ Feste Bezugspersonen hatte HelgaB. nicht. „Ständig wechselten die Pfleger, wurden anderswo in dem großen Haus eingesetzt. Meine Mutter hat sich in all der Zeit nur den Namen eines einzigen Pflegers merken können.“

Auch die Heimleitung wechselte in fünf Jahren drei Mal. „Jeder strukturierte dann wieder um.“ Und die versprochenen Beschäftigungsangebote? „Vormittags kam eine Therapeutin, die mit einigen Ballspiele machte, oder Zeitung las, solche Sachen. Nachmittags saßen die Leute da und starrten stundenlang die Wand an.

Da ist in all den Jahren sehr wenig passiert, obwohl das immer wieder versprochen wurde.“ Der schöne Garten, ein bisschen Sonnenlicht, der Geruch von Bäumen und Blüten – für die Dementen unerreichbar.

Keiner hatte Zeit, sie rauszuschieben. „Wer es nicht selbst schaffte, blieb drin.“ Sabine B. hat ihre Mutter täglich gefüttert, ihr vorgelesen, mit ihr Musik gehört, oft löste ihr Mann sie später ab.

Anfangs konnte Helga B. noch gut sprechen, später wurde sie immer einsilbiger. Und immer öfter krank – was oft unerkannt blieb. „Es war meistens ich, die sagen musste: Ein Arzt muss kommen.“ Helga B., in früheren Jahren eine resolute Frau, wurde in der Demenz sanftmütig. „Wenn man sie fragte: ,Wie geht's dir?’, sagte sie immer ,Danke, gut’.“ Immer.

Fürs Personal der Beweis, dass es der Seniorin gut ging. Wenn man sie aber fragte: „Hast du Schmerzen?“, sagte sie manchmal auch ja. Und konnte manchmal sogar zeigen, wo. „Aber für so eine Nachfrage nahm man sich keine Zeit.“

Der Tiefpunkt war eine verschleppte Lungenentzündung, an der die alte Dame beinahe gestorben wäre. Sabine B. ließ den Notarzt holen, Helga B. kam ins Krankenhaus, wo auch festgestellt wurde, dass sie stark dehydriert war.

Immer wieder dachte Sabine B. an einen Wechsel. Eine befreundete Ärztin, die schon viele Pflegeheime von innen gesehen hatte, sagte ihr, woanders sei es auch nicht besser.

Einmal sprach sie mit der Leiterin eines anderen Heimes, die zu bedenken gab, dass ein Umzug für die kranke Frau großer Stress wäre. „Ich wusste irgendwann nicht mehr: Will ich nur wechseln, weil ich selbst es nicht mehr ertrage, oder tu ich das für meine Mutter?“ Sie blieb.

Der Zweifel auch. Sabine B. macht keinem einzelnen Pfleger Vorwürfe. „Die schaffen das nicht“, sagt sie. Sie kritisiert das ganze System. „Es gibt viel zu wenige Fachkräfte. Der Laden ist voll mit Pflegehelfern, mit Aushilfen, mit Leuten in der Ausbildung, die es nicht besser wissen und noch schlechter bezahlt werden.“

Der Druck, die Überforderung – nicht selten, so erzählt Sabine B., war der Umgangston auch gegenüber den Heimbewohnern wenig respektvoll. „Bewohner, die niemanden hatten, der sich für sie einsetzte, wurden harsch angefahren. Abgesehen davon, dass alle geduzt wurden.“

Für das Personal und die Heimleitung war Sabine B. ganz schön lästig. Doch ehrenamtliche Helfer im Haus bestärkten sie, hartnäckig zu bleiben, sich immer und immer wieder zu beschweren. „Demente können sich halt nicht wehren. Sie können nicht einfordern, was sie brauchen“, sagt Sabine B. Sie ist sich aber sicher, dass auch schwer demente Menschen Stimmungen bemerken, Zuwendung spüren.

Sie versuchte, ihrer Mutter bis zuletzt Geborgenheit zu vermitteln. Manchmal weinte die alte Dame. „Ich habe nicht gewusst, ob sie Schmerzen hat, traurig ist, oder ob sie vielleicht nur was mit den Augen hat.“ Immer wieder wandte sich Helga B. aber auch an ihre Tochter. „Sie sagte Sätze wie: ‚Danke, dass du da bist’“ oder ,Danke, dass du mir hilfst'.“

Im August vergangenen Jahres ist Helga B. gestorben, mit 88. Sabine B. ist jetzt 57. Sie denkt auch an ihr eigenes Alter. „Heute gibt es ja überall tolle Angebote ,für ein selbstbestimmtes Leben im Alter'. Aber ich denke, das ist nur etwas für Menschen, die wirklich noch fit sind.“

Am Ende so leben zu müssen wie ihre Mutter, ausgeliefert und wehrlos, diese Vorstellung versucht sie zu verdrängen. „Der blanke Horror.“

 

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