AZ-Serie: Hinter den Mauern Alltag in Stadelheim: Um 17 Uhr beginnt die Einsamkeit

Lange Flure und überall Gitter. Insgesamt 2715 Türen gibt es in Stadelheim – und noch mehr Schlösser. Denn manche Türen sind mehrfach gesichert. Foto: Sigi Müller

Der Alltag in der JVA Stadelheim ist eintönig und einsam. Arbeit gibt es nicht genug, Angehörige dürfen nur zwei Mal im Monat für eine Stunde zu Besuch kommen.

 

München - Das metallische Geräusch, wenn sich der Schlüssel im Schloss umdreht, bestimmt ihr Leben. Es bedeutet entweder: Jetzt öffnet sich die Zellentür und ich kann sie mal verlassen. Oder: Jetzt bin ich wieder allein – eingesperrt auf acht bis neun Quadratmetern.

Vor allem am Anfang verbringen die Häftlinge in Stadelheim 23 von 24 Stunden in der Zelle: ein enger Raum, ausgestattet mit Bett, Tisch, Stuhl, Toilette und Waschbecken.

1.419 Personen sitzen derzeit in Stadelheim ein

Der Alltag hinter Gittern in Bayerns größtem Gefängnis ist immer fremdbestimmt und meistens sehr eintönig. 1.419 Menschen sind dort derzeit inhaftiert. Der Großteil sind Männer zwischen 20 und 40 Jahren. Im benachbarten Frauengefängnis sind zurzeit 123 weibliche Gefangene untergebracht, darunter drei mit ihren kleinen Kindern. Der Arrest für Jugendliche hat 60 Plätze, oft rücken sie nur übers Wochenende ein.

Von den Männern sind zwei Drittel Untersuchungshäftlinge, die auf ihren Prozess warten. 90 Tage verbringen sie durchschnittlich in Stadelheim, bis sie entweder in andere Gefängnisse in Strafhaft verlegt oder entlassen werden.

Die meisten sind in den 1.108 Einzelzellen untergebracht. Darüber hinaus gibt es 293 Gemeinschaftshafträume, die bis zu 28 Quadratmeter groß sind. Bis zu fünf Gefangene leben dort zusammen.

Stadelheim: Die meisten Justizvollzugsbeamten sind unbewaffnet

Die Macht über die Schlüssel und damit über das Leben der Inhaftierten haben die Justizvollzugsbeamten. 650 Menschen arbeiten in der Festung Stadelheim, davon fast 500 uniformierte Beamte. Die meisten sind unbewaffnet – die Gefahr, dass ihnen ihre Waffe von einem Häftling entrissen werden könnte, wäre zu groß.

Stadelheim ist eine fast autarke kleine Stadt. Innerhalb der sechs Meter hohen Mauern gibt es eine Kirche, eine Krankenstation, eine Wäscherei und einen Sportplatz.

Der Gefängnisalltag beginnt zwischen 6 und 6.30 Uhr: Das Deckenlicht geht an, ein Beamter klopft an die Tür und schaut in die Zelle. Unversehrtheitskontrolle wird das genannt. Bei denjenigen, die wenig später arbeiten gehen, bleibt die Tür offen stehen. Die anderen dürfen später für eine Stunde Hofgang raus. Einmal am Tag.

Morgens um 6 Uhr beginnt in Stadelheim der Gefängnisalltag

U-Häftlinge dürfen arbeiten, Strafgefangene müssen. "Wir schauen immer, dass möglichst viele beschäftigt sind", sagt Harald Königsdorfer, Chef der Abteilung Allgemeiner Vollzug. "Ein arbeitender und ausgelasteter Gefangener ist ruhiger. Dem fällt weniger Blödsinn ein."

Auf dem Gelände gibt es eine Schreinerei, eine Kfz-Werkstatt, eine Schlosserei, einen Baubetrieb und eine Gärtnerei. Manche Gefangene reparieren Fahrzeuge, andere stellen Kinderspielzeug her. In der Gärtnerei werden auch die Kränze für die Schäffler gebunden.

Derzeit werden auch Adventskalender befüllt und Geschenkekartons gefaltet. Doch oft gibt es nicht genug zu tun. "Viele Firmen haben einfache Tätigkeiten nach Osteuropa ausgelagert", so Königsdorfer.

Für 300 Euro darf im Monat eingekauft werden

Wer arbeitet, verdient auch etwas Geld – doch viel ist es nicht. 1,26 Euro pro Stunde gibt’s für einfache Tätigkeiten, 2,10 Euro für anspruchsvollere. Von dem Geld müssen die Gefangenen vier Siebtel für später zurücklegen. Zum Vergleich: Ein Haftplatz kostet den Steuerzahler 104,21 Euro (Stand: 2017) am Tag.

Für knapp 300 Euro im Monat dürfen die Gefangenen einkaufen. Früher gab es mal einen Kaufladen im Knast, doch der wurde abgeschafft. Heute wird per Einkaufsliste bestellt. Ganz oben stehen Kaffee, Tabak, Chips und Zahnpasta.

Für 20 Euro im Monat kann ein Fernseher gemietet werden. Die Antennen auf der JVA empfangen 32 Programme aus aller Welt. Außerdem sind in der Zelle auch ein paar persönliche Gegenstände erlaubt. Der eine hat eine Leselampe, der andere einen Gebetsteppich.

Um 17 Uhr wird die Zelle wieder verschlossen

Für die Gefangenen, die nicht arbeiten, ziehen sich die Tage. Um 11 Uhr wird das Mittagessen gebracht – die einzige warme Mahlzeit am Tag. Gegessen wird allein in der Zelle. Um 14.30 Uhr kommt schon das Abendbrot – mitsamt der Brotration fürs Frühstück.

Außer dem TV-Programm gibt es kaum Abwechslung: Ein Mal in der Woche ist Umschluss, bei dem sich Gefangene gegenseitig besuchen dürfen. Zwei Mal ist Aufschluss, dann stehen die Türen auf der Station für 90 Minuten offen. Dreimal in acht Tagen darf geduscht, einmal in einem sehr einfachen Sportraum traniert werden, Besuch von Angehörigen ist zwei Mal im Monat möglich – aber nur nach Anmeldung und höchstens für eine Stunde.

Um 17 Uhr dreht sich auch für den letzten Gefangenen wieder der Schlüssel in der Zellentür. Nun bleibt er wieder ohne jeden menschlichen Kontakt. Bis zum nächsten Tag, 6 Uhr.

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