AZ-Serie: Hinter den Mauern 125 Jahre JVA Stadelheim: Wenn der Frauenmörder zum Star wird

Stadelheim von oben: Das Gelände der JVA, in der vorwiegend Untersuchungshäftlinge untergebracht sind, ist 14 Hektar groß und von sechs Meter hohen Mauern umgeben. Foto: Sigi Müller

Die Justizvollzugsanstalt Stadelheim begeht ihr 125. Jubiläum. Am Gedenkgottesdienst nehmen Häftlinge und Politiker teil. Ein Frauenmörder wird zum heimlichen Star.

 

München - Dass ein verurteilter Frauenmörder lautstarken Applaus bekommt – und dann auch noch von hohen Gästen aus Justiz, Polizei und Politik – dürfte ein ziemlich einmaliges Ereignis sein. So geschehen am Montag hinter den sechs Meter hohen Mauern der Justizvollzugsanstalt (JVA) Stadelheim in der Gefängniskirche.

Anstaltsleiter Michael Stumpf (58) hatte zum 125-jährigen Bestehen von Bayerns größtem Gefängnis eingeladen: Etwa 80 geladene Gäste, darunter Justizminister Georg Eisenreich (CSU) waren gekommen und durften ohne Sicherheitskontrollen auf das streng bewachte Gelände.

125 Jahre Stadelheim: Feierlicher Akt mit 80 Gästen

Von Feiern wollte niemand sprechen – denn eigentlich, das wurde von allen Rednern betont – gibt es auch keinen Grund zum Feiern, wenn ein Gefängnis, das einst weit draußen vor den Toren der Stadt inmitten von Feldern gebaut wurde, im Laufe von 125 Jahren immer größer und voller wurde.

1894 als Königliches Strafvollstreckungsgefängnis für 405 Gefangene gegründet, sind hier heute rund 1.500 Häftlinge untergebracht. Die meisten sitzen in Untersuchungshaft. Michael Stumpf zitierte seinen Vorgänger Hans-Herbert Moser (†): "Die Geschichte von Stadelheim ist ein Spiegelbild der Gesellschaft, manchmal ein Zerrbild.“

In einem Gedenkgottesdienst erinnerten Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler und Weihbischof Rupert Graf zu Stolberg auch an die dunkelste Zeit in der Geschichte der JVA. Mindestens 1.049 Menschen sind hier hingerichtet worden, die meisten während der NS-Zeit. Zu den Ermordeten gehören auch die Mitglieder der Weißen Rose († 1943), die unter dem Fallbeil starben.

Mindestens 1.049 Hinrichtungen in Stadelheim

Die Guillotine wurde in den letzten Kriegstagen nach Straubing gebracht – zusammen mit Gefangenen, die auch noch hingerichtet werden sollten. Diese konnten aber fliehen, die Guillotine ist heute im Bayerischen Nationalmuseum.

Weihbischof Graf zu Stolberg zitierte in seiner Begrüßungsansprache das Jesuswort: "Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken.“ Er sprach davon, dass die Menschenrechte der Gefangenen zwar beschnitten seien, ihnen die Würde aber niemand nehmen könne.

Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler sagte, die Gesellschaft müsse sich stärker damit auseinandersetzen, warum Menschen scheitern. Sie wünschte sich Respekt auch für jene, die in der JVA arbeiten – "ebenfalls abgeschirmt von der Umwelt“.

"Handverlesene" Häftlinge als Gast beim Festakt

Häftlinge waren in der Gefängniskirche ebenfalls dabei. Aus Sicherheitsgründen allerdings nur einige wenige – "handverlesen“, wie es eine Justizbeamtin ausdrückte. Nicht einmal zehn Männer und Frauen saßen hinter den Gästen auf den Kirchenbänken.

16 Männer, alle in den gleichen verwaschenen, grauen Pullovern, hatten sich unter den ausgebreiteten Armen des Gekreuzigten aufgestellt: Der Gefangenenchor sang unter anderem das berühmte "Lied der Freiheit“ nach der Melodie aus Verdis Oper Nabucco. "Keine Macht, kein Verbot kann dich zerstören, keine Macht und kein Zaun dir den Weg verwehren“, heißt es in der Version, die durch Nana Mouskouri bekannt wurde.

Genie an der Orgel: Applaus für einen Frauenmörder

In den Fürbitten ergriffen auch drei derzeitige Häftlinge selbst das Wort. Einer betete: "125 Jahre sind Menschen schuldig geworden aneinander. 125 Jahre Menschen in Leid und Einsamkeit. 125 Jahre sind Menschen getrennt von ihren Liebsten, von Zärtlichkeit und Liebe. Hilf uns, dass wir dieses Gefängnis nicht noch 125 Jahre brauchen.“

Zum heimlichen Star während des Gottesdienstes wurde der Organist und Chorleiter. Nach einem Stück von Händel, das er ohne Noten spielte, gab es spontanen Applaus. Bischof Stolberg dankte für "das hervorragend vorgetragene Orgelstück“.

Erst hinterher erfuhren einige, dass es sich bei dem Musiker um den eingangs erwähnten Frauenmörder handelt.

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