AZ-Serie: Hinter den Mauern 125 Jahre JVA Stadelheim: 1.399 Menschen wurden hier hingerichtet

Wie eine Festung auf freiem Feld steht Stadelheim im Jahr 1911 vor den Toren der Stadt. 1894 wurde es als Königliches Strafvollstreckungsgefängnis gebaut. Foto: Stadtarchiv München

In einem Museum haben JVA-Beamte Dokumente, Fotos und Utensilien archiviert, darunter viele aus der Nazi-Zeit.

 

München - Das kleine Museum ist hinter einer unscheinbaren Stahltür im Keller verborgen. Nur ausgewählte Besucher dürfen hinein. Die drei Räume im Ostbau sind nur etwa 70 Quadratmeter groß, doch sie sind vollgestopft mit Originalurkunden, Zeitdokumenten, Fotos und zum Teil heute skurril anmutenden Gegenständen, die bei Gefangenen sichergestellt wurden.

Die Fundstücke dokumentieren 125 Jahre Leben hinter Gittern – von der Monarchie über die Räterepublik zur NS-Zeit und bis zum Freistaat. Die drei früheren JVA-Bediensteten Rudolf Drasch, Bernhard Moninger und Peter Maiborn sind tief eingetaucht in die Geschichte des Gefängnisses, sie haben unzählige Fundstücke zusammentragen.

JVA Stadelheim: Früher stand hier ein landwirtschaftliches Gut

Bernhard Moninger öffnet das Museum gelegentlich für Justizangehörige. Vorige Woche hat er der AZ anlässlich des 125-jährigen Bestehens von Stadelheim eine exklusive Führung gegeben.

Schwarz-Weiß-Fotos vom Ende des 19. Jahrhunderts zeigen eine Festung inmitten von Feldern vor den Toren der Stadt. Früher stand hier ein landwirtschaftliches Gut, von ihm stammt der Name Stadelheim. Das Königliche Strafvollstreckungsgefängnis war gebaut worden, weil die kleinen Haftanstalten in der Baader- und Gruftstraße sowie am Lilienberg und am Anger aus allen Nähten platzten und die sanitären Zustände katastrophal waren.

Erstes Hinrichtung in Stadelheim 1895

Zunächst entstanden 405 Haftplätze mit 9,4 Quadratmeter kleinen Einzelzellen. Im Lauf der Jahre wurde der Bau stetig erweitert, auch ein Untersuchungsgefängnis kam dazu. Anfang des 20. Jahrhunderts fasste St. Adelheim, wie das Gefängnis im Volksmund genannt wurde, 1.005 Häftlinge. Sie mussten in Arbeitsbaracken für 25 Pfennige Stundenlohn neun bis zehn Stunden arbeiten.

Bereits am 26. April 1895, ein Jahr nach dem Bezug, wurde in Stadelheim das erste Todesurteil vollstreckt. Es folgten noch Hunderte. Erst 50 Jahre später hatte das offizielle Morden ein Ende. Der letzte Häftling wurde am 10. April 1945 geköpft.

Besonders viele Hinrichtungen während der NS-Zeit

Auf einer Tafel im Museum steht: "Aufzeichnungen zufolge wurden in Stadelheim 1399 Personen hingerichtet. Die genaue Zahl ist nicht bekannt." Die meisten Todeskandidaten starben unter dem Fallbeil.

Besonders viele Hinrichtungen gab es während der NS-Zeit. Von 1943 bis 1945 sind 945 Hinrichtungen dokumentiert. Seit 1924 wurden sie von Johann Reichart vollstreckt. Er war zeitgleich in Dresden, Stuttgart und Weimar als Scharfrichter eingesetzt. Insgesamt soll er 2951 Menschen mit der Guillotine getötet haben. 59 starben durch seine Hand am Galgen.

"Ab 1943 hat das Reichsjustizministerium verfügt, dass bei der Hinrichtung nicht einmal mehr ein Geistlicher dabei sein durfte", weiß Moninger. In dem Museum sind auch Abschiedsbriefe aufbewahrt.

Es sind aber auch Utensilien von Gefangenen zu finden, die heute skurril anmuten: Zum Beispiel ein Kanister, mit dem einer versuchte, in der Wäscherei Schnaps zu brennen. Im selben Raum hängen zusammengeknotete Laken von der Decke – Überbleibsel gescheiterter Fluchtversuche.

Ein Ausstellungsstück lässt Bernhard Moninger schmunzeln. Er holt das Buch "22 Jahre Knast" von Dimitri Todorov aus dem Regal. Darin steht eine Widmung des ersten Bankräubers der Nachkriegszeit: "Leider habe ich es nicht geschafft hier auszubrechen. Legal ging es besser."

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