AZ-Serie: Handwerk in München AZ-Interview: "Wer willig ist, ist willkommen"

Manfred Traublinger Foto: Timo Lokoschat

Heinrich Traublinger, der Präsident der Handwerkskammer für München und Oberbayern, über neue Mitarbeiter – und warum man auf gute Handwerker nun einmal warten muss.

 

AZ: Handwerk hat goldenen Boden – Herr Traublinger, das stimmt doch immer noch, oder?
HEINRICH TRAUBLINGER: Grundsätzlich stimmt das. Derzeit haben wir keinen Grund zu jammern. Die Konjunktur läuft, unsere Betriebe sind zu einem erheblichen Teil ausgelastet, und auch die Erwartungen sind, was das Geschäftsklima betrifft, äußerst positiv.

Denoch beklagen sich die Handwerker. Sie kämpfen gegen die Aufhebung der Meisterpflicht.
Die EU-Kommission hat die Nationalstaaten aufgefordert zu begründen, warum sie bestimmte Berufe reglementieren. Das trifft ja nicht nur auf das Handwerk zu, sondern auch auf Ärzte und Rechtsanwälte.

Wie viele Handwerksberufe sind denn noch meisterpflichtig?
Es sind noch 41, und unsere Sorge ist, dass die EU-Kommission aufgrund der wirtschaftlichen Stärke Deutschlands einen Wettbewerbsvorteil angreifen will.

Welchen Wettbewerbsvorteil?
Unsere Leute sind besser ausgebildet, werden besser fortgebildet, wir haben weniger Arbeitslosigkeit. Bei uns sind acht Prozent der unter 25-Jährigen arbeitslos, in Spanien sind es fast 60 Prozent.

Schon 2004 wurde die Meisterpflicht für mehr als 50 Berufe abgeschafft. Das hat das Handwerk aber doch auch nicht umgebracht. Wäre es nicht besser, den Markt weiter zu öffnen?
Sie haben Recht, es hat das Handwerk nicht umgebracht. Aber das liegt daran, dass in Bayern in den 41 verbleibenden Berufen 83 Prozent der Beschäftigten, 91 Prozent des Umsatzes und 95 Prozent der Auszubildenden versammelt sind. Bei den 53 anderen, die aus dem Meistervorbehalt herausfielen, sind unsere Befürchtungen eingetroffen. Da geht Wissen verloren, und es entstehen kaum Arbeits- und Ausbildungsplätze.

Ihre Bedenken klingen dennoch ein wenig nach Abschottung.
Im Gegenteil. Wir sehen unsere Haltung als eine Art von Verbraucherschutz! Der Kunde kann sich darauf verlassen, dass er qualifizierte Produkte und Dienstleistungen erwarten kann, dass sein Handwerker qualifiziert ist, wenn er zu ihm kommt.

Wissen Sie, was die erste Reaktion der Menschen ist, wenn man das Thema Handwerk anspricht? Sie heißt: „Man kriegt ja nie einen!“
(lacht) Wie ich schon sagte, wir haben eine gute Konjunktur. Unsere Betriebe sind je nach Branche zwischen 76 und 80 Prozent ausgelastet. Man muss sich eine gewisse Zeitspanne vornehmen, wenn man einen Handwerker bestellt. Das gilt selbstverständlich nicht im Notfall. Es empfiehlt sich, ein gewisses Verhältnis zum Handwerker von nebenan aufzubauen. Es wird nicht immer so sein, dass der Handwerker Gewehr bei Fuß steht. Auf der anderen Seite können Sie davon ausgehen: Wenn Sie auf einen Handwerker warten müssen, ist er ein gefragter, ein guter Handwerker.

Viele Betriebe klagen über Nachwuchssorgen. Was muss die Politik leisten?
Die demografische Entwicklung mit den geburtenschwachen Jahrgängen schlägt voll durch. Wir kriegen nicht die Fachleute, die wir brauchen.

Was muss passieren?
Diese Entwicklung müssen wir abfedern. Wir bilden aus, das tun wir immer schon. Wir machen eine Image-Kampagne, wir sprechen Jugendliche an. Dann müssen wir unsere ausgebildeten Fachkräfte so lange wie möglich halten. Deshalb haben wir uns nie an den Frühverrentungs-Orgien beteiligt. Wir setzen immer auf unsere Erfahrung unserer Mitarbeiter. Die Pläne mit der Rente mit 63 sind in unseren Augen widersinnig.

Was halten Sie von der aktuellen Zuwanderungspolitik?
Bei uns herrscht die Devise: Wir fragen nicht, wo jemand herkommt, wir wollen wissen, wo jemand hinwill. Das ist die Praxis. Das funktioniert, da gibt es kein Ausgrenzen. Wir gehen sogar ganz gezielt an Jugendliche in anderen Ländern ran, haben ein Spanien-Projekt für Fachkräfte angeschoben. Jeder, der arbeitswillig ist, ist willkommen. Das war im Handwerk immer eine Selbstverständlichkeit. 

 

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