AZ-Serie: Die letzten Helden gegen Hitler Der Mann, der beinahe den Holocaust verhindert hätte

Nach dem gescheiterten Bombenattentat von Georg Elser (kleines Bild) am 8. November 1939 beginnen die Aufräumarbeiten im Bürgerbräukeller an der Rosenheimer Straße. Heute steht hier das Hilton-City-Hotel. Foto: dpa

Georg Elser hat minutiös geplant, wie eine Bombe im Bürgerbräukeller Adolf Hitler töten sollte. Dafür hat er mit seinem Leben bezahlt. Eine Spurensuche.

 

Wenn ich meine Wohnung in Haidhausen verlasse, sind es zehn Minuten zu Fuß bis zum Prinzregentenplatz 16. Dort wohnte Hitler, dort war er bis zu seinem Selbstmord am 30. April 1945 gemeldet.

Laufe ich zwanzig Minuten in die andere Richtung, stehe ich vor Hans und Sophie Scholls letzter Bleibe in der Franz-Joseph-Straße 13 in Schwabing. Und gehe ich von meiner Wohnung vielleicht fünf Minuten lang um ein paar Ecken, komme ich zu dem Ort, an dem Georg Elser beinahe die Welt verändert hätte. Zum einstigen Bürgerbräukeller, wo heute der Gasteig über der Isar thront.

Elsers "Höllenmaschine" hätte 50 Millionen Menschenleben retten können

In einer ausgehöhlten Säule des Bierlokals hatte er seine "Höllenmaschine" versteckt. So nannte er seine selbst gebaute Bombe. Mit ihr hätte dieser einfache Mann etwa 50 Millionen Menschenleben retten können.

Nur ein Augenblick fehlte dem schwäbischen Schreiner, um Hitler samt dessen engstem Zirkel am 8. November 1939 in die Luft zu sprengen. Dann wäre es nicht zu diesem Kriegsverlauf gekommen. Nicht zum Holocaust. Und nicht zu dieser Apokalypse.

"Er war wie ein Vater für mich", sagt Franz Hirth in seinem leisen Schwäbisch, als ich ihn im November 2015 in Stuttgart besuche. Er ist der letzte lebende Verwandte des Attentäters.

Plötzlich verschenkte der Onkel sein Hab und Gut

Wenn der 87-Jährige von seinem Onkel Georg Elser erzählt, liegt das Strahlen des kleinen Jungen in seinem Gesicht. So hat er auch seinen Onkel, den er von klein auf bewunderte und der ihn zärtlich "Franzerle" nannte, angestrahlt. Auf alten Fotos, die er mir zeigt, ist das zu sehen. Diese Bilder versetzen den weißhaarigen Mann mit der warmen Stimme und dem verschmitzten Lächeln zurück in seine Kindheit.

Hirth verbrachte viele Jahre in Elsers Elternhaus in Königsbronn. "Damals gab es noch schneereiche Winter bei uns. Da hat er mir ein riesiges Schneehaus gebaut. Es war von ihm in seiner geschickten Art so konstruiert, dass es noch wochenlang hielt, selbst als es schon taute. Er war sehr aufmerksam zu mir als Kind und liebevoll. Er hat sich gekümmert um mich." Der elfjährige Franz wunderte sich eines Tages sehr, dass sein Onkel ihm seinen teuren Fotoapparat überließ. Anderen in der Familie schenkte Elser seine Möbel, weil er angeblich wieder auf Wanderschaft gehen wollte.

"Er war wie ein Vater für mich": Franz Hirth (87), der Neffe von Georg Elser."Er war wie ein Vater für mich": Franz Hirth (87), der Neffe von Georg Elser.

30 Abende lang bereitete Elser das Attentat vor

Doch statt auf die Walz ging Elser damals 30 Abende lang in den Bürgerbräukeller, bestellte dort immer das einfachste Gericht für 60 Pfennige und wartete, bis er unbemerkt in der Besenkammer verschwinden konnte.

Dort harrte er stundenlang aus, bis das Lokal schloss, stieg auf die Empore und kniete sich vor eine der tragenden Säulen. Es war die, die direkt hinter dem Pult stand, an dem Hitler jedes Jahr am 8. November, dem Abend vor dem Jahrestag seines gescheiterten Putschversuchs, redete. Stück für Stück höhlte Elser sie aus, um darin seine selbst gebaute Zeitbombe zu deponieren. Sie sollte das Dach des Bürgerbräukellers einstürzen lassen. Nacht um Nacht lag er davor auf den Knien, auch als diese längst wund und zerschunden waren.

Wenn der Hausmeister den Bürgerbräukeller am Morgen wieder aufschloss und der Betrieb wieder einsetzte, trug Elser den Schutt und Mörtel hinaus. Erst versteckt in einem Karton und später in einem Koffer.

Seine zerschundenen Knie überführten ihn

Den Inhalt kippte er in die nahe Isar zwischen Müllerschem Volksbad und Kabelsteg. Genau an die Stelle, wo sie bis heute am schönsten fließt. Wo sich im Sommer Tausende Münchner auf ihren Kiesbänken sonnen und in ihrem grünen, an dieser Stelle nur knietiefen Wasser baden. Wenn in der Tagesschau Wetterimpressionen von einem heißen Sommertag gebraucht werden, filmt ein Team des Bayerischen Fernsehens immer wieder diesen einen Ort.

Ich denke an Elser, wenn ich über die Fußgängerbrücke laufe und die fröhlichen Menschen sehe, die dort in der Sonne liegen. Ich stelle mir vor, dass dieser Mann an diesem Ort den Zweiten Weltkrieg verhindert hätte. Und ich denke daran, wie Elser, der noch am selben Tag des gescheiterten Attentats in die Fänge der Gestapo geriet, eisern schwieg, auch unter der Folter. Bis die Beamten ihn zwangen, seine Hose herunterzulassen. Seine zerschundenen Knie überführten ihn.

"Ich bin stolz, ein Elser zu sein!"

Es ist ein schmerzvoller Moment, wenn sich Franz Hirth heute diese Stunden seines Onkels ausmalt. In seinem Wohnzimmer sucht er eines der alten Bilder heraus, streicht er mit dem Rücken des Zeigefingers über das Foto und lächelt seinen Onkel an. Wäre Elser alt geworden, hätte er vielleicht so ausgesehen wie sein Neffe. Ich jedenfalls habe den Eindruck, dass sie sich ähneln.

Hirth sagt: "Jetzt ist die Erinnerung an meinen Onkel befreiend. Früher, als Junge, hatte ich mich für ihn geschämt." Hirth schweigt lange und ist sehr gerührt: "Heute ist er für mich ein ganz Großer. Ein großer Mann aus dem Volk. Ich bin stolz, ein Elser zu sein!"

In Elsers Zelle gab es keine Privatsphäre

Franz Hirth wird den Tag im November 1939 nie vergessen, als zwei Gestapo-Männer die elterliche Wohnung durchsuchten und ihn und seinen Vater mitnahmen ins Hotel Silber, den Stuttgarter Gestapo-Hauptsitz. Hirths Mutter wurde zur gleichen Zeit an ihrer Arbeitsstelle verhaftet. Die Behörden steckten den Jungen in ein Waisenhaus.

Bis heute kann man die Zelle, in der Elser gefangen war, besuchen. Auch Hirth tat das schon, niedergedrückt von Angst und Trauer.

Er lief diesen dunklen Gang entlang zu seinem klammen Kerker, den ein winziges Fenster kaum erhellt. Durch die Gitterstäbe, die vom Boden bis zur Decke reichen, konnten die Wachen ihn rund um die Uhr beobachten. Sie erlaubten ihrem Häftling zu musizieren und stellten ihm eine Zither in die Zelle. Wenn man heute vor den Gittern steht, malt man sich aus, wie es wohl geklungen haben mag in diesem Gang, wenn Elser spielte? Welche Lieder er gespielt haben mag?

Kurz vor Kriegsende gab Hitler den Hinrichtungsbefehl

Hinter den Krematorien des einstigen Lagers liegt bis heute ein Wäldchen. Hier, verborgen vor den Blicken der Mitgefangenen, lag der Hinrichtungsplatz des KZ. Am 9. April 1945, wenige Tage vor der Befreiung des Lagers durch US-Soldaten, tötete ein SS-Oberscharführer Georg Elser, den "Sonderhäftling des Führers", durch einen Genickschuss. Sein Leichnam wurde im Krematorium verbrannt. Hitler hatte aus seinem Führerbunker heraus den Befehl gegeben.

"Auch heute werde ich von ihm träumen", sagt Franz Hirth am Ende unseres Treffens. Die Erinnerung verfolgt ihn zuverlässig, wenn er über Georg Elser gesprochen hat. Zum Abschied zeigt mir Hirth noch sein liebstes Erinnerungsstück, ein Tablett, in das Georg Elser feine Intarsien eingearbeitet hat.

Franz Hirth hält es stolz vor seine Brust und fragt: "Hat er das nicht schön gemacht?"


Entnommen aus dem Buch "Jahrhundertzeugen. Die Botschaft der letzten Helden gegen Hitler. 18 Begegnungen" des ehemaligen AZ- Chefreporters Tim Pröse. Es ist im Heyne-Verlag erschienen (320 Seiten. Gebundene Ausgabe: 19,99 Euro, Kindle- Edition: 15,99 Euro).

 

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