AZ-Serie: Anders Wohnen "Tiny Houses" gegen Wohn-Wahnsinn: Ein Dorf in der Stadt

Ein "Wohnwagon" – ein Tiny House aus Österreich. Die zukünftige Dorfgemeinschaft – auf der Bank, Thorsten Thane mit schwarzem Pulli – hat es besichtigt. Foto: privat

Eine Gruppe Münchner und Münchnerinnen hat den Wohn-Wahnsinn satt und will gemeinsam in "Tiny Houses" leben. Teil 2 unserer Mini-Serie.

 

München - Was dem einen Menschen sein Baumhaus oder ein Schloss, ist Thorsten Thane ein Eisenbahnwaggon: Der Münchner hat früher davon geträumt, einmal in einem solchen Wagen zu leben. Dieser alte Traum fällt Thane ein, als er gerade wieder besonders frustriert ist vom Immobilienmarkt.

Der Filmproduzent und Regisseur (46) ist seit sechs Jahren alleinerziehend, wohnt mit seiner Tochter in Wolfratshausen, "auf fast 100 Quadratmetern, wo locker eine Familie mit zwei Kindern wohnen könnte", erzählt er. Viel zu groß eigentlich, seit seine Frau ausgezogen ist.

Wohn-Minimalismus als Ziel

Die Wohnung ist aber relativ günstig – kleinere dagegen sind teurer. "Darum lohnt es sich finanziell überhaupt nicht für uns, auszuziehen." Das fördere, sagt Thane, "dass man lauter Zeug anschafft, damit es überhaupt mal wohnlich wird. Wir haben lauter Möbel gekauft, die rumstehen, damit da einfach was steht. Das ist genau das Gegenteil von dem Wohn-Minimalismus, den ich eigentlich gern hätte."

Gemeinschaftsgefühl - aber ohne Ideologie

Das Gemeinschaftsgefühl in WGs hatte er immer sehr genossen, darum suchte er nach alternativen Wohngruppen – "aber solchen, die nicht sagen, ,Wir sind alle vegan’ oder ,Wir sind alle links’ oder ,Wir sind alle ,weißderteufelwas’." Das erweist sich als aussichtsloses Unterfangen – darum beschließt er, selbst etwas zu gründen.

Doch seine Idee von einem alten Bauernhof, auf dem er und seine Tochter mit einer Gemeinschaft aus anderen Interessierten wie in einer großen WG leben könnten, zerfällt sehr schnell: "Solche Höfe sind entweder so weit ab vom Schuss, dass es nicht mehr möglich ist, von dort Geld zu verdienen – oder die Preise sind so hoch, dass das nicht funktioniert."

Vom Bauernhof zum "Tiny House"

Und dann fällt Thane eben wieder dieser Traum ein von einem Leben in einem ausrangierten Eisenbahnwaggon, wie die Seniorin Maude aus dem wunderbar verrückten Film "Harold und Maude". Er recherchiert und stößt auf "Tiny Houses" – "kleine Häuser". Und sieht eine neue Version seines alten Traumes.

Minimalistisches Leben auf 15 Quadratmetern: Das sind Tiny Houses Die Idee für die kompakten Wohneinheiten, die auch noch mobil sind, stammt aus den USA. Ein sogenanntes Tiny House ist zwischen 15 und 30 Quadratmetern groß, minimalistisch und zweckmäßig eingerichtet und funktioniert im Idealfall autark – es hat zum Beispiel eine eigene Strom- und Wasserversorgung.

Buntgemischte Dorf-Truppe

"Ich habe dann Leute gesucht, die auch in meine Richtung denken", erzählt Thane. "Und es hat mich selbst überfahren, wie schnell da eine Gruppe zusammengekommen ist!" Buntgemischt sei die und nicht dogmatisch. "Wir möchten einfach alle in einer Gemeinschaft leben, aber auch unsere eigenen Leben haben."

Ein Immobilienmakler ist zum Beispiel dabei, ein Künstler, eine Goldschmiedin, eine Hundefriseurin. "Das sind alles Leute, die mitten im Leben stehen, mit festen Berufen oder kurz vor der Rente", sagt Thane. "Menschen, die nicht einfach allein vor sich hin leben wollen, denen das Prinzip ,man lernt voneinander’ und ,man hilft sich aus’ wichtig ist."

Das funktioniert jetzt schon, sagt Thane: Seit knapp einem Jahr gibt es die Gruppe mit 14 relativ fixen Mitgliedern – und es kümmern sich jetzt schon die Älteren mal um die Kinder, damit die Jüngeren arbeiten können. "Quasi eine alte Dorfstruktur, wie man sie über Jahrhunderte gelebt hat." Und diese Gemeinschaft möchte ab Frühjahr 2019, spätestens im Sommer, ein Dorf gründen. "Teilweise verkaufen die Gruppenmitglieder gerade ihre Häuser dafür."

Baurecht steht "Tiny Houses" im Weg

Thanes Lebensgefährtin wohnt schon in diesem Tiny House, das in einem privaten Garten steht – leider nur eine Zwischennutzung. Tiny Houses kann man allerdings nicht einfach irgendwo hinstellen und darin leben. Einmal, weil die meisten Bewohner eine vernünftige Anbindung brauchen – viele haben einen Job, Thanes Tochter muss zur Schule gehen können. Und dann ist das bürokratisch auch nicht so einfach. Im Baurecht stehen nämlich diverse Vorschriften für "normale" Häuser – zum Beispiel, dass Flächen versiegelt sein müssen für das Fundament. "Das Baurecht berücksichtigt natürlich nicht, dass ein Tiny House andere Bedürfnisse hat", sagt Thane.

Die Gemeinschaft hat ein Grundstück im Münchner Umland zum Kauf in Aussicht – eine brache Wiese. Allerdings ist die nicht als Bauland gewidmet – und selbst, wenn man die kleinen Häuser nur auf den Grund fährt, müsste man dafür rein bürokratisch auf dem Grund bauen dürfen.

Darum hat die Dorfgemeinschaft ohne Dorf einen Verein gegründet: den Einfach gemeinsam leben e.V., der aktiv ist in der Lokalpolitik und an Petitionen arbeitet, an den Bayerischen Landtag und auch auf Bundesebene. "Wir wollen einen Zusatzartikel im Baurecht, der ein mobiles Wohnen ermöglicht", sagt Thane. Das dauere natürlich.

Der Traum vom eigenen Dorf

Aber, so ist die Hoffnung, wenn das Dorf einmal Wirklichkeit geworden ist, soll es weitergehen, sagt Thane. "Da möchten wir schon weitere Fleckchen entwickeln." Und wer bei dieser Geschichte jetzt an einen alten Traum erinnert wurde von einem Baumhaus oder einem Schloss oder einem Eisenbahnwaggon, der ist beim Verein sehr willkommen.

 

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