AZ-Reporterin macht Selbstversuch Versuchsweise blind: Ein Besuch in der Dunkelheit

Die passende Menge Milch in den Kaffee zu gießen oder ein Formular zu lesen... Foto: ho

Einen Kaffee eingießen, ein Formular ausfüllen – was für viele alltäglich ist, wird für Blinde und Sehbehinderte zu einer Herausforderung. Die AZ macht einen Selbsttest im Dunkelcafé.

 

Ludwigsvorstadt - Ich lege meine Hand auf die Schulter von Melanie Egerer vom Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbund (BBSB). Während sie sich sicher in der Dunkelheit bewegt, stolpere ich hinter ihr her. Meine andere Hand sucht nach Anhaltspunkten: Wo bin ich? Wie sieht es hier aus? Was sind mögliche Gefahrenquellen?

Ich nehme Platz im Dunkelcafé. Aus verschiedenen Richtungen höre ich Stimmen, nehme Gerüche wahr. Die Situation ist beklemmend. „Wenn sich jemand unwohl fühlt, holen wir Sie raus!“, sagt Daniela Noppeney vom BBSB. Doch während ich nach ein paar Minuten tatsächlich wieder raus darf, ist die ständige Dunkelheit für rund 80 000 Menschen in Bayern Realität. Melanie Egerer zum Beispiel ist seit ihrer Geburt blind. Selbst wenn sie träumt, sieht sie keine Farben und Formen. Unterkriegen lässt sie sich davon aber nicht: Sie spricht fließend Französisch und Englisch, spielt Baseball für Blinde und engagiert sich im Bereich Barrierefreiheit beim BBSB. Martina Hellriegel-Lane, Bezirksgruppenleiterin Oberbayern-München, verlor ihr Augenlicht als kleines Kind. Bis heute nimmt sie Kontraste wie hell-dunkel noch schwach wahr.

Sie ist schick gekleidet, Schal und Pullover sind aufeinander abgestimmt. Wie sie das macht? „Mit einem Farberkennungsgerät!“, erklärt Hellriegel-Lane. Der kleine Helfer sieht aus wie eine Fernbedienung. Hält man das Gerät an Stoffe oder Oberflächen, ertönt kurz darauf eine Computerstimme, die den Farbton verkündet.

Eveline Walisko ist im Bereich Rehabilitation tätig und erklärt, welche Hilfen Blinden und Sehbehinderten noch zur Verfügung stehen.

Zum Beispiel der Füllstandsanzeiger, ein kleiner oranger Würfel, der mithilfe von zwei Klammern an den Rand eines Glases oder einer Tasse gesteckt wird. Ist das Gefäß voll, piepst und vibriert der Würfel. Als ich im Dunkelcafé probiere, eine Tasse Kaffee einzuschenken, geht erst mal die Hälfte daneben.

Eine der häufigsten Ursachen für Erblindung ist die altersbedingte Makula-Degeneration. Allein in Deutschland leiden zwei Millionen Menschen an der Netzhauterkrankung. Dabei verlieren die Betroffenen ihre Sehkraft an der Stelle des schärfsten Sehens auf der Netzhaut. Die Folge: Ein weißer oder schwarzer Punkt im Zentrum des Blickfeldes. Wenn sich das gesamte Sichtfeld trübt, spricht man von einer Katarakt. Erkrankte sehen ihre Umgebung stark verschwommen und kontrastarm. Eine Brille simuliert im Dunkelcafé diese Einschränkung.

„Viele Menschen trauen sich nicht, uns anzusprechen“

„Viele Menschen trauen sich nicht, uns anzusprechen“, erzählt Melanie Egerer. Die 33-Jährige wünscht sich vor allem mehr Achtsamkeit im Umgang mit Blinden und Sehbehinderten. „Das hat auch viel mit Unwissen zu tun. Die meisten wissen gar nicht, wie wichtig zum Beispiel die Leitlinien für uns sind.“

Ein unbedacht abgestelltes Fahrrad, ein Koffer auf den Leitlinien, ein Sticker auf den taktilen Leitsystemen: „Da muss noch viel Öffentlichkeitsarbeit gemacht werden!“

 

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