AZ Müll-Serie "Plastikmüll? 80 Prozent werden verbrannt"

Der 59-Jährige ist seit 2002 der Zweite Werkleiter im städtischen Abfallwirtschaftsbetrieb München (AWM) und als solcher zuständig für das operative Geschäft. Foto: Gregor Feindt

Der Chef der Münchner Abfallwirtschaft erklärt den Weg des Mülls – oft endet dieser im Ausland

 

AZ: Herr Schmidt, wo entsorgen Sie Ihren Plastikmüll?

HELMUT SCHMIDT: Bei mir zu Hause trennen wir nur voluminöse Plastikabfälle. Die kommen auf den Wertstoffhof oder zum Container. Ich gestehe: Es wird kein Joghurtbecher ausgewaschen und gesammelt. Der kommt in den Restmüll – und damit in die Müllverbrennung.

Selbst Ketchup oder Essig gibt es oft nicht mehr in Glasflaschen. Täuscht der Eindruck, oder werden die Plastikverpackungen immer mehr?

Tatsächlich werden immer mehr Verpackungsmaterialien durch Plastik ersetzt. Bundesweit machen die Leichtverpackungen, also Kunststoffe, Tetrapacks und Metalldosen, jährlich rund 25 Kilo pro Einwohner aus. Die Stadt München wollte 1991 wenigstens bei Getränkeverpackungen ausschließlich auf Mehrweg setzen. Dafür ging man bis vor das Bundesverwaltungsgericht. Wir konnten uns aber nicht durchsetzen, da die Kommunen laut Verpackungsverordnung nicht eigenständig regeln dürfen, wie sie Verpackungen verwerten.

Der umweltbewusste Verbraucher möchte Verpackungen gern trennen. Wieso gibt es in München keinen Gelben Sack oder eine gelbe Tonne?

Wir in München finden das Gelbe System, also mit Sack oder Tonnen am Haus, wenig sinnvoll. Denn Kunststoff lässt sich gar nicht so einfach recyceln. Außerdem zeigen die Erfahrungen anderer Städte, dass in die gelben Tonnen bis zu 50 Prozent Restmüll wandern. Das ist kein Wunder. Die Menschen wollen ihre Restmülltonne entlasten und Müllgebühren sparen. Ein sinnvolles System zur Mülltrennung ist das aber nicht.

Warum ist Kunststoff-Recycling so schwierig?

Es gibt nicht den einen Kunststoff. Die Verpackungen bestehen aus verschiedenen Stoffen, die man nicht mehr – oder nur mit viel Chemie – voneinander trennen kann. Und das auch nur, wenn man weiß, aus welchen Stoffen die Verpackung besteht. Das ist oft nicht der Fall. Verpackungen energetisch zu verwerten, also zu verbrennen, macht in vielen Fällen mehr Sinn, als sie aufwendig zu recyceln.

Kunststoff-Recycling ist also Schmarrn?

Naja, das kommt darauf an. Manche Kunststoffe, wie zum Beispiel PET sind sehr gut recycelbar. In der Schweiz werden PET-Flaschen ganz streng getrennt. Daraus kann man zum Beispiel Fleecepullis machen.

Säcke, Tonnen, Container: Warum ist das alles so unterschiedlich geregelt?

Das ist eine politische Entscheidung. Die Verpackungsverordnung schreibt vor, dass es ein Sammelsystem geben muss. Jede Kommune kann diese Vorschrift unterschiedlich umsetzen. In München gibt es die Sammelcontainer. Dort werden pro Person jährlich etwa fünf Kilo Plastikmüll gesammelt. Das ist weniger als bei den Gelben Säcken. Aber wer sich die Mühe macht, den Müll extra dort hinzutragen, der hat auch besser getrennt.

Was passiert mit dem gesammelten Plastikmüll?

Die Gelben Säcke und das Plastik aus den Containern werden von Firmen eingesammelt, die von den Dualen Systemen beauftragt sind. Dann bekommen es die Kunststoffverwerter. Die wollen dieses Material nicht so gern haben, denn die gesammelten Verpackungen gelten als minderwertige Mischkunststoffe, zum Teil mit Lebensmittelresten dran. Man kann davon ausgehen, dass etwa 80 Prozent des gesammelten Kunststoffs letztendlich doch in die Verbrennung gehen.

Was mit dem Rest passiert, erfährt man nicht. Ich habe mich über die Jahre mehrmals bei Kunststoffsammlern und privaten Verwertern dazu erkundigt. Einer bestätigte mir, dass sich das nach der Nachfrage am Markt richtet. Es gab schon Berichte, dass deutsche Verpackungen auf Deponien in Frankreich und sogar Thailand und Singapur gelandet sind. Es kann auch sein, dass die hier gesammelten Kunststoffe nach China gehen.

Macht es da Sinn, die Sachen zum Container zu tragen?

Wenn man die eigene Restmülltonne entlasten möchte, schon. Wenn man nach ökologischen und wirtschaftlichen Aspekten geht, dann nicht. Zumindest, was den Plastikmüll betrifft.

Der Münchner Restmüll enthält also relativ viel Kunststoff. Wird vor der Verbrennung noch einmal sortiert?

Nein, das ist nicht nötig. Der Kunststoff verbrennt, übrig bleibt Schlacke. Aus der holen wir Metall und Erden heraus. Die werden dann recycelt. Die Verbrennung dient hierbei als eine Art Vorbehandlung. Die Verwerter nehmen das Metall sogar lieber, weil die organischen Reste beseitigt sind.

Wie umweltschädlich ist die Müllverbrennung?

Müllverbrennungsanlagen galten früher als Dioxinschleudern. Inzwischen gibt es allerschärfste Umweltvorschriften. Der Knackpunkt ist ein anderer: Die Sammlung und Verbrennung von Kunststoff über das Duale System kostet pro Tonne etwa 800 Euro. Das ist viermal mehr, als wenn der kommunale Anbieter das Plastik mit dem Restmüll einsammelt und verbrennt. Dann würden die Kosten bei unter 200 Euro liegen.

Stimmt es, dass der Müll so gut getrennt ist, dass man Papier zugeben muss, damit er überhaupt brennt?

Das ist Unsinn. In der Verbrennung hat es über 800 Grad. Der Abfall brennt selbstständig. Innerhalb von drei Sekunden ist eine Ladung verbrannt. Damit wird Strom und Fernwärme erzeugt. Knapp zehn Prozent der Fernwärme in München stammen aus der Müllverbrennung. Der Strom, der dort erzeugt wird, muss nicht mehr durch Kohleverbrennung erzeugt werden. Dadurch wird CO2 eingespart. Fossile Energie wie Kohle wird also durch Müll ersetzt. Der Heizwert des Mülls ist aber davon abhängig, woraus er besteht und wie viel Feuchtigkeit drin ist. Auch deshalb ist es sinnvoll, den Biomüll zu trennen. Der Münchner Restmüll hat aber einen sehr hohen Brennwert.

Wenn ich in der Wohnung wenig Platz habe, welchen Müll sollte ich unbedingt trennen?

Glas, Biomüll und Papier sollten auf jeden Fall getrennt werden. Beim Papier funktioniert das System optimal – ökologisch und wirtschaftlich. Das wird an Verwerter verkauft und geht in bayerische Papierfabriken: ein regionaler Stoffkreislauf, bei dem die Kommune noch etwas einnimmt. Beim Biomüll könnte noch besser getrennt werden: Derzeit sind noch etwa 35 Prozent des Restmülls Bioabfall. München hat eine hervorragende Vergärungs- und Kompostieranlage – eine Trockenfermentationsanlage. Pro Jahr werden dort 25000 Tonnen Biomüll verarbeitet. Dabei entsteht Biogas mit dem jährlich 3780000 Kilowattstunden Strom erzeugt werden. Das deckt den Jahresverbrauch von 1600 Münchner Haushalten und ersetzt etwa 375000 Liter Heizöl.

 

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