AZ-Meinung Verlogene Empörung

Auf den ersten Blick scheinen die Dinge klar zu sein: Ein etwas unbedarfter Pressesprecher der CSU will dem mächtigen ZDF vorschreiben, worüber es in der Hauptnachrichtensendung berichtet. Eine bessere Steilvorlage hätte der Mainzer Sender nicht bekommen können, um sich als Hüter der Pressefreiheit aufzuspielen.

 

„Das ZDF lässt keine politische Einflussnahme zu“, tönt Intendant Thomas Bellut. Horst Seehofer distanziert sich, der Pressesprecher Hans Michael Strepp muss umgehend zurücktreten. Alles okay also? Warten wir zunächst mal ab, ob es wirklich Strepps Idee war, einen Beitrag über den SPD-Kandidaten Ude zu verhindern – oder ob nicht einer seiner CSU-Chefs dahintersteckt. Noch wichtiger allerdings ist, sich einmal anzusehen, was wirklich läuft zwischen Medien und Politikern. Keine politische Einflussnahme? Herr Bellut, das ist lächerlich.

Der gesamte öffentlich-rechtliche Rundfunk unterliegt im Rundfunkrat der politischen Kontrolle. Abgesehen davon: Jeder Redaktionsleiter im Fernsehen, jeder Chefredakteur einer Zeitung telefoniert regelmäßig mit aufgebrachten hochrangigen Politikern, die sich über irgendetwas beschweren. Ich erinnere mich gut an Gespräche zum Beispiel mit Horst Seehofer und Christian Ude. Beide sind natürlich professionell genug, niemals mit Konsequenzen zu drohen. Eindruck hinterlässt so etwas trotzdem. Sicher ist Strepp zurecht zurückgetreten. Aber die Empörung von Politik und Medien über den Fall klingt ein bisschen verlogen.

 

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