AZ-Kritik zum Ludwigshafen-Krimi "Babbeldasch": So viel Tatort-Theater gab es noch nie

, aktualisiert am 27.02.2017 - 08:40 Uhr
Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) ist Peter Beckers (r., Peter Espeloer) Begleitung bei der Premiere des Amateurtheaters Babbeldasch. Foto: dpa

Der Tatort aus Ludwigshafen ist nicht nur improvisiert, er wirkt auch so. Und genau das ist auch das spannende findet die AZ-Kultur.

 

Experiment gelungen, Zuschauer fix und fertig. Das war nicht anders zu erwarten bei Regisseur Axel Ranisch: Der hat schon mit "Dicke Mädchen" einen Mumblecore-Spielfilm – also ohne Budget und Drehbuch – gedreht, ist ein Mann für verrückte Versuche. Mit "Babbeldasch" hat er diesen Ruf bestätigt, gleich dreifach.

Erstens lässt er seine Schauspieler improvisieren. Die sind zweitens keine Profis, sondern Mitglieder des Ludwigshafener Amateurtheaters Hemshofschachtel. Und sprechen drittens eine Pfälzer Mundart, die nur Einheimische und Dialektforscher mögen können (siehe unten).

Klaustrophobie-Gefahr für Zuschauer

Schon früh glaubt man, das alles unmöglich ertragen zu können, und ganz verlässt einen das Gefühl während des ganzen Films nicht. Nicht alle Laien wachsen über sich hinaus, und manche Szenen wirken wie Proben. Doch wenn man sich darauf einlässt, wird’s interessant: Man schaut hier einer Theatergruppe zu, die einen Tatort aufführt – ein postmoderner Krimi mit zweiter Ebene quasi. Darin kann sogar Kommisarin Odenthal am Computer einen Tatort schauen. Ulrike Folkerts improvisiert überzeugend in dieser Rolle, ebenso Lisa Bitter als Kollegin Johanna Stern.

Vor allem zieht "Babbeldasch" den Zuschauer rein in diese klaustrophobe Enge der Kleinstadtbühne, wo jeder der Mörder der Chefin sein könnte. Die meisten Verdächtigen und ihre Motive werden aber gar nicht richtig beachtet, das ganze Rätselraten ist ja eh schon tausendmal dagewesen. So viel Theater aber noch nie. Und das treibt Ranisch auf die Spitze: In anderen Krimis schauen die Kommissare in die Ferne, wenn die Intuition sie überkommt. Ranisch übersetzt diese Momente der Eingebung in Traumsequenzen – skurille, tolle Idee.

"Babbeldasch" ist halb Operette, halb Punksong: mit klugem Text, gesungen in Mundart.


Mundart für alle

Krimiexperte verteidigt den umstrittenen Pfälzer "Tatort"

Der Krimikenner François Werner hat das neue "Tatort"-Experiment gegen teilweise drastische Kritik in Schutz genommen. Der Gründer der Webseite tatort-fundus.de sagte der Deutschen Presse-Agentur, er verstehe die Aufregung um die SWR-Folge "Babbeldasch" nicht, die am Sonntagabend im Ersten ausgestrahlt wurde.

Bild hatte die von Regisseur Axel Ranisch ohne festes Drehbuch gefilmte Folge mit Ulrike Folkerts alias Lena Odenthal am Samstag als "schlechtesten ,Tatort’ aller Zeiten" verrissen. Dabei kritisierte die Zeitung unter anderem schwer zu verstehende Szenen in pfälzischer Mundart. Spiegel Online schrieb von einem "Ausnahme-,Tatort’" – der leider nicht aufgeht".

Werner sagte, er finde die teils harsche Kritik "völlig überzogen": "Ich glaube, darin steckt eher eine Kritik an der generellen Experimentierfreudigkeit am ,Tatort’ und das immer häufiger der Weg vom ,klassischen’ Krimi hin zum betont ,anderen’ Krimi beschritten wird." Der Einsatz von Mundart sei "schon deshalb positiv, weil es zum ursprünglichen,Tatort’-Konzept von 1970 gehört und in jedem ,Tatort’ präsent sein sollte. ,Babbeldasch’ selbst ist eher konventionell erzählt und hat heitere und komische Momente und ist gute Unterhaltung."

Derweil hat Axel Ranisch gerade einen weiteren "Tatort" mit Lena Odenthal abgedreht – und wie schon bei "Babbeldasch" gibt das Konzept von Autor Sönke Andresen keine Dialoge vor.

 

6 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading