AZ-Kritik zum Krimi im Ersten "Tatort: Unter Kriegern": An der Grenze des Erträglichen

Autorenprofil Stephan Kabosch
Vom (Stief-)Vater voll auf Leistung gedrillt: Felix (Juri Winkler) neben Joachim Voss (Golo Euler). Foto: HR/Bettina Müller

Der Frankfurter "Tatort: Unter Kriegern" wird zu einem Grenzgang zwischen Krimi und Psycho, Botschaft und Glaubwürdigkeit. Die AZ-Kritik.

 

Der Frankfurt-Tatort ist immer dann am stärksten, wenn er mit den herkömmlichen Sonntagabend-Krimiregeln bricht. Wie hervorragend hat das funktioniert in der vorangegangenen Folge "Fürchte dich"! Ein Genremix aus klassischem Krimi und Horror, für den die Frankfurter gefeiert wurden. Auch mit "Unter Kriegern" (Sonntag, ARD, 20:15) wagte das Team um Hermine Huntgeburth (Regie) und Volker Einrauch (Buch) etwas Besonderes: weniger Krimi, mehr Psycho.

Dabei tritt die Kriminaler-Arbeit, die Suche nach dem Mörder des kleinen Malte Rahmani (Ilyes Raoul Moutaoukkil), der im Heizungskeller eines Sport-Leistungszentrums eingesperrt worden war und qualvoll verdurstete, in den Hintergrund. Das Ermittlerduo Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch) wird fast zu Statisten degradiert. Ein verzweifeltes "Scheißeee" beim Vorbeigehen an der nächsten Leiche kommt da schon einem Gefühlsausbruch gleich.

"Unter Kriegern" - Psychogramm eine dissozialen Familie

Die Emotionen finden woanders statt, vor allem in der dissozialen Familie Voss: Vater Joachim (Golo Euler), ein rücksichtsloser Investmentbanker und Sportfunktionär mit höchsten Ansprüchen an sich selbst und vor allem andere, der seine Frau permanent erniedrigt ("Du bist schwach, so schwach!"); Mutter Meike (Lina Beckmann), ohne Hauptschulabschluss in der - auch am altmodischen Mobiliar sichtbaren - Parallelwelt zur kalt-modernen Voss-Villa lebend, dort wie Dreck behandelt wird und am eigenen Kind verzweifelt ("Du bist ein Teufel. Ich hätte dich wegmachen lassen sollen"); und eben jener Sohn Felix (Juri Winkler), der in seinem blütenweißen Hemd mit schwarzer Krawatte vom Vater zu Höchstleistungen dressiert werden soll, von diesem manipuliert wird und sich so zum eiskalten Mobber und Tyrannen entwickelt - und mehr. In diesem kleinen Familienensemble verdichtet sich die Botschaft, wie krank dieser gesellschaftliche Druck machen kann, wenn es um Leistung bis zum Extremen geht, bis zum Erbrechen - im Wortsinn. Der Zweite ist der erste Verlierer. Die sicht- und spürbaren Folgen: Egomanie statt Empathie, Soziopathie statt Sozialdenken.

Der Plot, die Bilder, die Sprache, der Schnitt: nahezu alles ist extrem in diesem "Tatort", bisweilen sogar überextrem. "Unter Kriegern" fordert heraus, insbesondere wenn es um Fragen der Glaubwürdigkeit geht. Ist diese Gesellschaft tatsächlich so krank, kann eine Familie tatsächlich so schrecklich kaputt sein wie die Familie Voss? Kann ein Teenager tatsächlich so eiskalt sein?

Darsteller bewahren Frankfurt-Tatort vor dem Absturz

Ja, "Unter Kriegern" überzeichnet bis an die Grenze des Erträglichen. Dass dieser Psycho-Krimi dennoch funktioniert, dass er einen dennoch nie loslässt, liegt vor allem an der Performance der Darsteller. Schlichtweg sensationell: Juri Winkler als Felix.

Auf ein baldiges Wiedersehen.

 

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