AZ-Kritik zum Krimi Berlin-"Tatort": "Der gute Weg" ist ein psychologisches Meisterstück!

Rubin (Meret Becker) und Karow (Mark Waschke) bekommen Infos über die Leiche, die bei einem Streifeneinsatz getötet wurde. Foto: bb/MarcusGlahn

Der Berlin-"Tatort" "Der gute Weg" hat eine unfassbare Dichte. Ein interessantes Spiel wird mit dem TV-Zuseher gewagt. Vieles wird schnell offengelegt, doch die Spannung bleibt.

 

Spoiler-Warnung

Liebe AZ-Leser, die folgende Kritik enthält teils unverschleierte Hinweise zur Handlung des Berlin-Tatorts "Der gute Weg" (Sonntag, 20.15 Uhr in der ARD). Falls Sie den Krimi unvoreingenommen sehen möchten, lesen Sie diesen Artikel am besten erst später.


Der "Tatort" hat gerade einen Lauf. Am letzten Dresden-"Tatort" hätte noch Tiefenpsychologe Lars von Trier anstatt seines oberflächlichen Gemetzels ("The House The Jack Built") eine tiefgehende, morbide, psychopathologische Familienaufstellung lernen können ("Das Nest"). Jetzt hat der Berlin-"Tatort" – auf ganz andere Weise – wieder eine unfassbare Dichte. Dabei wird ein interessantes Spiel mit dem Zuschauer gewagt. Denn der bleibt, was die Informationen anbelangt, fast von Anfang an auf einem "guten Weg": Alles, wenn auch Kompliziertes, wird schnell und klar offengelegt, es gibt kaum eine falsche Fährte. Und doch, in diesem Fall sogar: Gerade deshalb entsteht einen großartige Spannung.

Inhalt: Worum geht es heute im "Tatort"?

Es geht äußerlich um das Clan-beherrschte Drogen-Milieu am Kottbusser Tor, einer Gegend, die vielleicht "Lonely- Planet"-Reisende und Kreuzberg-Romantiker cool finden, die aber letztlich vor allem eins ist: abgestürzt. Aber in diesem "Tatort" geht es eben nicht um die Kritik an gewaltigen "staatsgewaltfreien Zonen", an denen selbst alte Streifen-Polizeihasen wie Polizeihauptmeister Harald Stracke (Peter Trabner) zerbrechen. Das ist hier nur der Rahmen. Denn es sind vor allem Bürgerkinder, die hier mit dem Stoff versorgt werden, der sie ablenken soll von der Bindungslosigkeit im Leben. Und so sind wir in "Der gute Weg" mit nur einem Schritt vom vermeintlich fremden Brennpunkt in unserem bürgerlichen Milieu – also bei uns selbst.

Berlin-"Tatort": Psychologisches Meisterstück

Würde man also diesen Waschke-Becker-"Tatort" (Regie: Christian von Castelberg) auf eine Grundbotschaft reduzieren, wäre es: "Geh’ mit deinem Kind auf den Spielplatz!" Eine ohrfeigende Botschaft auch für die nachtschichtende Workaholic-Kommissarin Nina Rubin (Merret Becker) mit ihrem Mutter-Sohn-Problem, das sie jetzt mit Nachhol- Glucken kompensieren will. Aber der Sohn (Jonas Hämmerle) ist jetzt selbst Berliner Jungpolizist und wird gleich in einen tödlichen Zwischenfall verwickelt zusammen mit eben dem desillusionierten Polizeihauptmeister Harald Stracke: selbst ein gebranntes Kind, was seinen Sohn anbelangt, den er – durch väterliche Abwesenheits-Schuld – ans Drogenmilieu verloren hatte.

Wer während diesem "Tatort" kurz ein Bier geholt hat, wird nicht mehr in die faszinierende Dichte zurückgefunden haben. Selber schuld! Drehbuchautor Christoph Darnstädt hat nach seinen Til-Schweiger-"Tatorten" noch ein geschrieben.

Und wer sich doch besonders für den Berliner Milieu-Rahmen interessiert: Das Dok.fest München zeigt am kommenden Samstag den faszinierenden Film "Another Reality" über kriminelle Berliner Clans.

 

1 Kommentar

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading