AZ-Kritik zum Bio-Thriller "Little Joe" von Jessica Hausner

Emily Beecham als besessene Pflanzengenetikerin im unheimlichen Forschungsgewächshaus. Foto: X-Verleih

"Little Joe" von Jessica Hausner ist ein gewollt unheimlich kühler Wissenschaftskrimi, der viel über uns erzählt

 

Viele Erfolgsideen sind hier verarbeitet und weitergedacht, wie das Tamagotchi vor über zwanzig Jahren, das Digitalküken, um das man sich kümmern musste, damit es auf dem Display nicht stirbt. Oder der Prosac-Wahn, vor allem in den USA, wo Millionen süchtig nach dem Psychopharmakon sind, weil es Downgefühle abdämpft und einen auf einem gleichmäßigen Glückslevel hält. Ähnliches verspricht auch die süchtigmachende Pflanze "Little Joe".

Besondere Blume, die Aufmerksamkeit und Ansprache braucht 

Die Österreicherin Jessica Hausner gibt dem ganzen einen Hauch von Science-Fiction und kommt unserer Wirklichkeit damit besonders nahe: Eine arbeitswütige Pflanzengenetikerin züchtet eine besondere Blume, die Aufmerksamkeit und Ansprache braucht. Dafür verströmt sie ein Mutter-Baby-Hormon, das glücklich macht. Um aus dieser Züchtung Profit zu schlagen, ist die Pflanze steril und kann nur im Labor reproduziert werden.

Doch dann läuft das Ganze aus dem Ruder: Die pseudo-empathische Blume entwickelt als darwinistisch geniale Gegenstrategie Pollen, die Menschen infizieren und damit dazu bringen, sich emotional nur noch auf die Pflanze zu fixieren. Nach außen bleiben die Infizierten normal, innerlich aber stumpfen sie emotional gegenüber ihrer Umwelt ab, weil die Pflanze die Gefühlswelt komplett für sich absorbiert. So ist "Little Joe" ein hochaktueller, kritischer Forschungskrimi, in dem wie in Goethes "Zauberlehrling" dem Menschen die Kontrolle über sein Werk entgleitet. Und zwar in Form einer subtilen Gehirnwäsche.

Unfähigkeit, Gefühle zuzulassen

Die kann symbolisch auch für viele andere Bereiche von Besessenheit stehen oder für Narzissmus und Süchte, also alles, was uns hindert, sensibel und offen für unsere Umgebung zu sein.
"Little Joe" – die Forscherin Alice (Emily Beecham) nennt die nelkenartige Blume nach ihrem Sohn – arbeitet mit stark stilisierten, sterilen Bildern, auch weil es um die Unfähigkeit des rationalen, modernen Menschen geht, Gefühle einfach zuzulassen.

Zwingende Trias: "modern, emanzipiert und kalt"? 

Und so spielt das Wissenschaftsdrama auch auf einer zweiten Ebene. Denn Alice gibt alles für ihren Forschungserfolg und hat deshalb ein schlechtes Gewissen gegenüber ihrem Teenie-Sohn, den sie – trotz Zusammenlebens – nicht mehr richtig zu kennen glaubt. So ergibt sich die gefährliche Frage, ob nicht die Gesellschaft in ihrer Doppelbelastung aus berechtigtem Karriere- und Familienwunsch nicht besonders bei Frauen einen unangenehmen charakterlichen Dreiklang aus "modern, emanzipiert und kalt" erzeugt, und was man dagegen tun kann.
Im englischsprachigen Film wehrt sich jemand im Forscherteam gegen die vertuschte Gefährlichkeit, andere wollen den Ruhm, wieder andere geraten in die Abhängigkeit, so dass sie für das Forschungsprodukt töten würden.

"Little Joe" ist bei alledem ein bewusst befremdender Film, auch skurril, sehr künstlerisch künstlich und gewollt unterkühlt. Aber das subtile, schaurige Unbehagen ist Teil des künstlerischen Konzepts, das uns über den Abspann hinaus beschäftigen soll. Und so bleibt uns auch wirklich etwas im Ohr: das Flirren und Knacken, wenn die Kamera der roten Blume im totenstillen Gewächshauslabor ganz nahe kommt, so dass man ihr allzu lebendiges, unheimliches Innenleben zu hören meint.
    
Kino: Monopol (OmU)
B&R: Jessica Hausner
(A,D,GB, 105 Min.)

 


 
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