AZ-Kritik zu Gebäude und Konzert Elbphilharmonie eröffnet - was München besser machen muss

Spektakuläre Bilder: Mit einem großen Festakt wurde das "Jahrhundertbauwerk" Elbphilharmonie eröffnet. Foto: dpa

Die Elbphilharmonie ist eröffnet. Was bedeutet das für die Münchner Pläne eines Konzertsaals hinter dem Ostbahnhof?

Hamburg - Von Norden trompeteten in den letzten Monaten allerlei Superlative zu uns herunter. Im Großen Saal der Elbphilharmonie hatten die Musiker bei der ersten Probe Tränen in den Augen. Alle Konzerte der ersten Saison sind bereits ausverkauft. Und der Intendant sprach vorsichtshalber gleich von einem Weltwunder.

Am Mittwoch wurde der Konzertsaal in Hamburg mit einem Festakt und einem Festkonzert eröffnet, nach zehn Jahren Bauzeit, mit sieben Jahren Verspätung und einer skandalösen Steigerung der Kosten von 186 auf 866 Million Euro. Optimisten behaupten, nach dem Erfolg der Eröffnung werde dies alles vergeben und vergessen sein. Das wäre ein Fehler: Denn dieser Konzertsaal ist ein Musterbeispiel, wie öffentliches Bauen wegen schlampiger politischer Entscheidungen und einer falschen Gutgläubigkeit aus dem Ruder laufen kann.

Der Besuch der Elbphilharmonie ist wie eine Wanderung zur Gralsburg

Aber Hamburg hat nun ein neues Wahrzeichen - nur noch vergleichbar mit der Oper im Hafen von Sidney.  Wer von München mit dem Zug anreist, sieht den Bau in der Ferne bei der Überquerung der Elbe. Die Elbphilharmonie bestimmt das Stadtbild wie der Michel und die anderen Kirchtürme.

Der Besuch eines Konzerts ist eine Wanderung zur Gralsburg, vergleichbar mit der Besteigung des Grünen Hügels von Bayreuth. Man fährt mit einer langen Rolltreppe hinauf. Von dort öffnet sich ein überwältigender Blick auf den Hafen. Noch eine Rolltreppe, dann ist man auf der für jedermann zugänglichen Plaza mit einem Café.

Der Weg in den Saal ist sorgfältig inszeniert, er führt immer um Ecken und ins Ungewisse. Eine geschwungene Treppe führt zum 11. Stockwerk mit den Garderoben. Es empfiehlt sich, gut zu Fuß zu sein: Der Saal liegt noch höher, und die Aufzüge sind gut versteckt.

Ein gläserner Elfenbeinturm der bürgerlichen Kultur

Das Erlebnis der Architektur von Jacques Herzog und Pierre de Meuron ist durchaus in der Lage, ein mittleres Konzert zu erschlagen. Die PR-Superlative, die Architektur und das im Gebäude befindliche Luxushotel können Schwellenangst zu erzeugen, auch wenn die Festredner von einer Öffnung reden. Der Bau spricht eine andere Sprache: Er ist eine verschlossene Burg, ein gläserner Elfenbeinturm der bürgerlichen Kultur.

Das Herzstück des Gebäudes ist der Große Saal, ein Ort von eher mäßiger Schönheit. Die organischen Formen der Ränge und Balkone sind mit einer akustisch vorteilhaften weißen Haut überzogen, die an einen Termitenbau erinnert. Niemand ist vom Dirigenten mehr als 30 Meter entfernt. Die Weinberg-Form nach dem Vorbild von Hans Scharouns Berliner Philharmonie erzeugt eine Intensität und Nähe, die dem Münchner Gasteig fehlt.

Ein Drittel der Zuschauer sieht (und hört) schlechter

Aber die Nähe hat ihren Preis. Etwa ein Drittel der Zuhörer sitzt hinter den Musikern. Im Eröffnungskonzert sang Pavol Breslik von Wolfgang Rihm komponierte Orchesterliedern nach Texten von Hans Henny Jahnn. Der slowakische Tenor sang wie üblich an der Rampe. Vom Block Q schräg über den Kontrabässen war er nur mäßig gut hörbar. Auch im Finale aus Beethovens Neunter entzücken vor allem die Rücken der Solisten. Die vereinigten Chöre des Norddeutschen und Bayerischen Rundfunks klangen vor allem laut: Irgendwelche Nuancen konnte ein Drittel der Besucher nicht hören.

Für groß besetzte Vokalmusik wie eine Bach-Passion, Mendelssohn Bartholdys "Elias", Mahlers Symphonien Nr. 2 oder 8, Beethovens "Missa solemnis" oder Verdis "Messa da Requiem" ist die Elbphilharmonie nur bedingt geeignet. Es ist auch Geschmacksache, wenn direkt neben einem die Orgel losbraust: Ihre Pfeifen sind nur zwei, drei Meter von den nächsten Hörern entfernt.

Das Elbphilharmonie Orchester hat noch Luft nach oben

Wie ein Pianist oder ein Streichquartett hier tönen, lässt sich noch nicht sagen. Nach dem ersten Eindruck ist die Elbphilharmonie ein hoch spezialisierter Saal für Instrumentalmusik der Klassik, Romantik und der Moderne. Der Klang ist hell, sehr transparent, mit einem leichten, kaum störenden Nachhall. Und leider auch gnadenlos: Das wackere NDR Elbphilharmonie Orchester, das 30 Prozent der Konzerte im Saal bestreiten soll, ist kein Luxusklangkörper. Sein Chefdirigent Thomas Hengelbrock mag ein kluger Musiker sein, aber er ist weder Pultvirtuose noch ein besonders inspirierender Interpret des Hamburgers Johannes Brahms, dessen Finale der Symphonie Nr. 2 am Ende des Festakts vorbuchstabiert wurde.

Das den erfreulich kurzen Reden nach einer Pause folgende Konzert schlug klug einen Bogen von der Renaissance zur Gegenwart. Philippe Jarroussky sang, begleitete von einer Harfe, Alte Musik von einem der Balkone. Hengelbrock dirigierte Bernd Alois Zimmermanns "Photoptosis" für Orchester mit Orgel, Wagners "Parsifal"-Vorspiel und den Schluss von Olivier Messiaens "Turangalila"-Symphonie. Es wirkte ziemlich gedankenlos, nach Rihms vom Publikum erduldetem Neo-Expressionismus den letzten Satz von Beethovens Neunter zu spielen, in dem erst Celli und Kontrabässe und dann der Bariton den Satz "O Freunde, nicht diese Töne!" anstimmen.

Lehre für München: Mehr Musik, weniger Architektur

Wie alle neuen Säle wird auch die Elbphilharmonie solvente Kulturtouristen anziehen. Und das örtliche Publikum wird gewiss nicht nur einmal kommen. Akustisch wie architektonisch sind die hohe Schuhschachtel von Jean Nouvel in Luzern und sein gemäßigter Weinberg in Paris besser. Sie sind offener, einladender und heben die Musik nicht als bürgerliche Kunstreligion des vor-vorigen Jahrhunderts auf einen Sockel wie die auf den alten Kaispeicher gewuchtete Elbphilharmonie.

Und was heißt das für die Münchner Pläne? Es schadet nicht, mit weniger Treppen auf dem Boden zu bleiben. Die Akustik ist wichtig, aber sie ist nicht alles. Die bisweilen belächelte Idee, im aufstrebenden Viertel hinter dem Ostbahnhof zu bauen, ist richtig: Das Umfeld von Start-Ups bekommt der Musik besser als die falsche Erhabenheit. Dass es im ehemaligen Pfanni-Gelände ein wenig eng wird für Spektakel-Architektur, muss nicht schaden. In Hamburg übertönt sie die Musik.

 

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