AZ-Kritik Kölner Tatort Mitgehangen: Völlig mut- und planlos

Kommissar Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, r) ist sich sofort sicher: Matthes Grevel (Moritz Grove, l) ist der Mörder. Foto: WDR/Thomas Kost

Der aktuelle Kölner "Tatort" hat ein großes Problem: Er weiß nicht, welche Geschichte er erzählen will. Die mutlose Folge "Mitgehangen" in der AZ-Kritik.

 

"Krimi, der: Umgangssprachliche Kurzform von Kriminalfilm oder Kriminalroman, Erzählung eines Verbrechens mittels aufklärerischem Spannungsbogen." Die Anforderungen an das Genre sind laut Definition also nicht gerade hoch - der aktuelle Kölner Tatort wird ihnen trotzdem nicht gerecht. Und dabei ist die völlig Abwesenheit eines Spannungsproblems noch das geringste Problem von "Mitgehangen".

Die Geschichte ist schnell erzählt: Die Fassade einer scheinbar heilen Welt rund um einen kleinen Kölner Werkstattbetrieb beginnt zu bröckeln, als einer der Teilhaber tot in einem Baggersee gefunden wird. Schnell stellt sich heraus, dass der Tote allseits verhasst war und Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) schießt sich sofort auf Werkstatt-Chef Matthes Grevel (Moritz Grove) als Tatverdächtigen ein. Sehr zum Missfallen von Freddy Schenk (Dietmar Bär), der Ballaufs Fixierung auf Grevel nicht nachvollziehen kann.

Genau dieser Konflikt zwischen Ballauf und Schenk ist eigentlich auch das einzige, was in dem Tatort wirklich funktioniert. Die beiden Protagonisten streiten herrlich, wie ein altes Ehepaar - doch leider geht es über dieses Soap-Element nicht hinaus. Denn der gesamte Konflikt, der um diesen Streit herum aufgebaut wird, der nach einer Stunde Sendezeit im Selbstmord des Verdächtigen gipfelt, wird in den folgenden Minuten einfach weggewischt.

Es ist bezeichnend für die erzählerische Qualität von "Mitgehangen", dass die große, überraschende Wendung darin besteht, dass der Tatverdächtige wirklich der Täter ist, dass der Freund der Familie wirklich freundschaftliche Motive hat, dass der ermordete Unsympath wirklich ein verkommenes Subjekt war. Das ist nicht nur unkreativ, sondern zerstört die paar guten Momente der Folge komplett.

Die unschönen Seiten des Polizeialltags werden im "Tatort" gekonnt ignoriert

Ständig fragen sich der Zuschauer und Freddy Schenk, ob Ballauf mit seiner Obsession die intakte Familie von Matthes Grevel zerstört, er einen Unschuldigen in den Tod treibt. Das ist nicht nur dramatisch, sondern durchaus auch ein ebenso realistischer wie gern verschwiegener Nebeneffekt der Polizeiarbeit. Solche Dinge passieren, obwohl niemand das will - nur eben nicht im Tatort. Denn dort ist am Ende alles wieder gut, da Matthes Grevel ja tatsächlich der Mörder war, die völlig irrationale Behandlung durch Ballauf also irgendwie doch gerechtfertigt war.

Am Ende der Folge erzählt Ballauf seinem Kumpel Schenk, wie ihn einst am Ende der Ausbildung ein erfahrener Polizist fragte, ob er sich klar sei, was es bedeute, Polizist zu sein: "Du wirst nie gerufen, wenn alles gut ist. Du wirst immer nur gerufen, wenn alles scheiße ist. Erschossen, erstochen, erwürgt, verstümmelt." Damit kann Ballauf umgehen. Ob er auch mit einem folgenschweren Irrtum umgehen kann, wird dem Zuschauer leider vorenthalten - weil der Autor offenbar nicht mutig genug gewesen ist, den eingeschlagenen Weg konsequent bis zum Ende zu beschreiten.

Und genau da liegt das große Problem von "Mitgehangen": Dieser Tatort funktioniert aufgrund der völligen Spannungslosigkeit nicht als Krimi und aufgrund der Mutlosigkeit auch nicht als Drama. "Weichgekocht", sagt Schenk angewidert, nachdem sich Grevel erhängt hat. Er hätte genauso gut das Drehbuch (Johannes Rotter) meinen können.

 

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