AZ-Kritik Premiere im Volkstheater: "Wer hat meinen Vater umgebracht" von Édouard Louis

Selbstbetrachtung in der Auseinandersetzung mit dem Vater: Jakob Gessner, Jonathan Hutter, Anne Stein. Foto: Gabriela Neeb

Philipp Arnold adaptiert "Wer hat meinen Vater umgebracht" von Édouard Louis im Volkstheater.

 

Man könnte sich das Gedächtnis als ein Gebäude vorstellen, das im Lauf des Lebens aufgebaut wird, dabei ständig Renovierungen erlebt, sich vergrößert und verkleinert, bis es irgendwann vergeht. Immerhin können Erinnerungsinhalte zur Absicherung gespeichert werden, zum Beispiel in Form von Literatur, auch wenn Fakt und Fiktion sich dabei unweigerlich vermischen.

Die Gedächtnisarbeit, die der gerade mal 27-jährige französische Literatur-Star Édouard Louis in seinen bisherigen Büchern geleistet hat, findet auf der kleinen Bühne im Volkstheater eine passende visuelle Entsprechung: Bühnenbildnerin Belle Santos hat ein farbleuchtendes Häuschen erdacht, dessen halbdurchsichtigen Stoffwände leicht eingerissen, aber auch wieder aufgespannt werden können.

Louis beschäftigt sich mit seinem Elternhaus, vor allem mit seinem Vater, in dessen Alkohol vernebeltes Hirn sich das Bild des starken Mannes so eingeprägt hatte, dass er die aufscheinende Homosexualität seines Sohnes mit Gewalt unterdrücken wollte.

Schwere Jugend als Schwuler auf dem Lande

In seinem autobiografischen Debütroman "Das Ende von Eddy" (2014) schilderte Louis, wie er sich durch eine schwere Jugend auf dem Land in der nordfranzösischen Region Picardie schlug und dank guter Schulleistungen dem repressiv-homophoben Arbeitermilieu entfliehen konnte. Schon in diesem Buch mühte er sich an einem Verständnis für das Verhalten seines Vaters ab, distanzierte sich aber immer mehr von diesem, um im Abschließen mit der Familiengeschichte zu seiner Identität zu finden.

In seinem vier Jahre später erschienenen Essay "Wer hat meinen Vater umgebracht" näherte Louis sich dem Patriarchen noch mal an und entdeckte einige Widersprüche. Wie seltsam es doch ist, dass der Vater die Lieder von Céline Dion auswendig mitsingen konnte oder laut Mutter gerne tanzte. Ein Foto findet Louis, auf dem sein Vater als Dreißigjähriger sich als Majorette verkleidet hatte. Hatte er also vielleicht doch ähnliche Neigungen wie der Sohn? Das ist eine der Fragen, die das Buch von Louis und nun auch das Trio im Volkstheater zwischen den Zeilen aufwirft.

Verständnis für den Patriarchen?

Jakob Geßner, Jonathan Hutter und Anne Stein nehmen im Wechsel die Position des erzählenden Louis ein und markieren, ebenfalls im Wechsel, den Vater, in den sie sich per Maske verwandeln können.

Der Alte schweigt oft, ist vor allem Zuhörer – was wie eine nachträgliche Wunscherfüllung anmutet, denn so leiht er seinem Sohn zumindest auf der Bühne sein Ohr. Gerade durch die Masken – auch für die Mutter gibt es eine – betont Regisseur Philipp Arnold den Aspekt des Rollenspiels: Auch in den Familien hat jedes Mitglied nun mal seine Position; daraus auszubrechen ist nicht leicht.

Letztlich bleibt der Patriarch eine Leerstelle, die der Sohn zumindest ansatzweise zu füllen versucht, indem er sich in der Kunst der Einfühlung übt – ein berührendes Projekt. Empathie ist jedoch immer auch eine Form von Projektion, ein Entwerfen neuer (Selbst-)Bilder. Das Trio spricht häufig in eine Videokamera, im Sitzen, im Liegen; was vorne passiert, wird live auf die hintere Hauswand projiziert. Seine Jugend konnte der Vater nicht ausleben, das versteht der Sohn nun, es war kein Geld da für eine höhere Ausbildung, fürs Reisen. Später hat der Vater ihm die Jugend, bis auf ein paar Lichtblicke, vermiest.

Mehr als ein Live-Hörspiel von "Das Ende von Eddy"

Ins Szenische geht Philipp Arnold kaum, bemüht sich jedoch darum, dass seine Bühnenadaption, in der sich auch Elemente von "Das Ende von Eddy" mischen, nicht völlig zum Live-Hörspiel wird. Jakob Geßner singt ganz flügelzart den Céline-Dion-Hit "It’s All Coming Back To Me Now". Und Jonathan Hutter steigert sich gegen Ende lautstark in eine Tirade hinein, in der Louis die Staatsoberhäupter Frankreichs, von Chirac bis Macron, für das Leiden und Ableben des Vaters, der sich bei der Maloche den Rücken kaputtmachte und dennoch weiter schuftete, verantwortlich macht. Von ihrer Politik profitieren vor allem die Reichen. Das Proletariat geht bitter zugrunde.

Dass man diese vom persönlichen Schicksal ausgehende, in eine allumfassende Anklage gegen den Staat mutierenden Rede auch überspitzt finden kann, wird durch die Form des Abends spürbar: Je nachdem welche oder ob man überhaupt eine Maske trägt – es gibt im Grunde nur Ansichten, keine objektiven Wahrheiten. Eine irgendwie stringente Performance konnten Arnold und seine Dramaturgin Katja Friedrich aus den Louis-Sätzen nicht bauen – es ist ein loser Remix, aber mit einem beherzten Trio auf der Bühne. Die Sympathie, die der Sohn für seinen Vater entwickelt, übermittelt sich doch ganz gut ins Publikum, sowie der Schmerz angesichts der Unmöglichkeit, die Demütigungen von einst ungeschehen zu machen und all die Lücken zu füllen.

Kleine Bühne, Volkstheater, 19. und 29. Dezember, 2., 9., 10., 31. Januar; 20 Uhr; Tel:  523 46 55


 
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