AZ-Kritik: Porträt einer jungen Frau in Flammen Céline Sciamma schafft einen erotischen, barocken Film

Adèle Haenel und (Noémie Merlant): Die schöne Aristokratin Heloise (li.) und ihre Malerin. Foto: Alamode

Die Französin Céline Sciamma schafft mit ihrem „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ einen wunderbaren, sensibel-erotischen Frauenfilm - und noch mehr

 

Männer kommen in dem Film gar nicht mehr vor. Aber man vermisst sie nicht. Und es wird sich herausstellen, dass der erotische Blick einer Frau auf eine Frau eben auch nicht so anders ist als durch Männeraugen.

In der ersten Szene rudert man die junge Malerin Marianne (Noémie Merlant) mit ihren Mal-Utensilien auf eine Küsteninsel am französischen Atlantik. Dort steht ein barockes Herrenhaus: der Sommersitz einer Witwe mit ihrer Tochter. Die Mutter reist nach der Ankunft der Malerin ab. Ihre Tochter Heloise (Adèle Haenel) soll zur Brautwerbung gemalt werden. Aber Heloise will nicht verheiratet werden.

Frauen allein auf einem Schloss

Dann sind die Frauen im Schloss allein. Es kommt zu einem fast wortlosen, tagelangen Umschleichen, Abtasten. Die Frage, kann ich der anderen vertrauen oder wie ihr Vertrauen gewinnen, steht spannend in der freien, windigen Meeresklippenluft.

Sie werden rauchen, trinken, eine Droge nehmen, sich das Korsett aufschnüren, die Damastkleider – und damit Formen und Standesunterschiede – abwerfen. Sie gehen schwimmen, haben Sex – und, das ist das Schönste: Sie lernen lachen.

Erst das Aufschnüren des Korsetts schafft Freiheit ud Kunst

Und erst als beide alle Konventionen sprengen und eine Affäre beginnen, gelingt der Malerin der Sprung vom bloßen Porträthandwerk zur glaubwürdigen Kunst.

Wie man einen historischen Stoff aus dem ausgehenden 18. Jahrhundert – durchaus auch stark künstlerisch stilisiert – bewegend erzählen kann, zeigt die französische Regisseurin Céline Sciamma: Barockkleider, vom Flackern einer Kerze beleuchtete Räume, ein Liebespaar, das sich auch beim Sex noch siezt – und doch ist alles brennend aktuell. Denn das „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ verhandelt die Frage nach Geschlechtergerechtigkeit, Freiheit und Heirat völlig unideologisch, dafür sehr klug, erotisch und kunstvoll.

Romantische Tragödie? Erotische Komödie?

Ist es eine romantische Tragödie? Eine erotische Komödie? Ein subtiler Emanzipationsfilm? Alles zusammen, was die Sache so anregend und aufregend macht.

Dafür aber zwingt der Film den Zuschauer in ein anderes, ruhigeres Zeitgefühl und damit zum zurückgelehnten Beobachten. Und dabei lässt Sciamma noch weitere Ideen einfließen: dass Frauen archaischer sind – man sieht eine nächtliche, kultische Frauenversammlung am Strand. Dass Frauen undogmatisch, solidarischer sind: die Zofe ist ungewollt schwanger, man muss das mit Naturmitteln „lösen“.

Das Spiel mit  Orpheus und Euridike

Was bleibt der Malerin und Aristokratin, diesem Liebespaar am Ende? Zum Beispiel die Geschichte, die sie sich gegenseitig vorgelesen haben: die klassische von Orpheus und Euridike. Dreht sich Orpheus nach der Geliebten vielleicht nicht auch um, weil er die Trennung von der Geliebten braucht? Denn zuviel Gefühl, ja Liebe vertragen sich schlecht mit dem Schaffensprozess eines Künstlers. Das behauptet die Malerin gegenüber Heloise. Denn nur, wenn ich etwas nicht habe, entsteht aus dem Bild, aus der Erinnerung und der Projektion Kunst. Und das ist in diesem Fall wunderbare Filmkunst. 

Kinos: ABC, Isabella sowie Arena, Maxim (auch OmU), City (auch OmengU), Theatiner (OmU) R: Celine Sciamma (F, 122 Min.)

 

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