AZ-Kritik Konzertkritik: So war Bruce Springsteen im Olympiastadion

Ganz warme Umarmung fürs Publikum: Bruce Springsteen“ Big Rock Orchestra. Die Bilder vom Konzert im Münchner Olympiastadion. Foto: Sigi Müller

Dieser Mann kann Feuer machen: Bruce Springsteen und seine E Street Band trotzen im Olympiastadion dem Münchner Wetter.

 

München - Irgendwann macht das alles Sinn. Der See aus roten, gelben, blauen Regencape-Pünktchen. Die deutsche und die amerikanische Flagge, gemeinsam gerührt von den Böen. Der Sound, aufgewirbelt von den Wellen des Windes. Der wolkenmarmorierte Himmel, durch den Vögel strudeln. Der Funkturm, der die Standleitung zu einer höheren Macht hält. Einer, der sich zerreißt – „Badlands“. Und, im Licht der Scheinwerfer so sichtbar, wie spürbar, der zarte silberne Vorhang.

Dieser beschissene, verfluchte Regen, dieses immerwährende Getröpfel, dieses nass oben, nass unten, nass überall. Dieser Regen, der diesen Abend im Rückblick heraushebt und zu einem Konzert macht, das wir uns in die Geschichtsbüchlein unseres Lebens schreiben können.

Bruce hat die Tausenden in der ungeschützten Arena des Olympiastadions nicht allein im Regen stehen lassen. Er hat sich dazugestellt. Hat bei „Dancing In The Dark“ tropfende Damen auf die Bühne geholt, in deren glücklich nassen Gesichtern wir uns gesehen haben, hat Kinder den Refrain von „Waitin’ On A Sunny Day“ unpeinlich, unsentimental-rührend ganz allein in die Nacht krähen lassen. Hat schicksalhaft beleuchtet zum Flirren des Bottlenecks auf den Gitarrensaiten „The Rising“ herbeigesungen. Viertel nach sieben: „Who’ll Stop The Rain“, allein mit akustischer Gitarre. Ein Mikro gab’s auch ganz vorne, da hat er sich solidarisch bedröppeln lassen.

Lofgren und Van Zandt zeigen bemäntelt und behütet, wie kalt der Band wirklich ist, während Bruce die Ärmel hochgekrempelt hat: Glockenakkorde und die Trompeten von Jericho: „Wrecking Ball“ ist die aktuelle Abrissbirne. „Death To My Home Town“, ebenfalls vom letzten Album, mit Pauke und Akkordeon, so irisch, wie ein Einwanderer nach hundert Jahren noch sein kann. Da steht Bruce mit der Faust im Himmel. Der Letzte im Pulvernebel.

Diese Wucht, die nie versiegt. Ins Set eingebettet: Das „Born In The USA“-Album in der gewohnten Songreihenfolge. Vom Titelsong bis „My Hometown“ und einem mächtig blauschwarzen Stadionchor. Max Weinbergs Train-Shuffle zu „Working On The Highway“ – was für ein Schlagzeuger. „I’m On Fire“, dessen Retrosynthie-Chic als Raumgleiter im Jahr 2013 landet. Nur Gattin Patti fehlt diesmal in der E Street-Besetzung.

Keine Frage, es hat auch in München schon Springsteenkonzerte mit einer subtileren Setlist gegeben, in der mehr Raum für gedeckte Farben war. Aber dieser Abend ist anders und für die 43 000, die für ihn da sind. „Pay Me My Money Down“ ist die Partyhupe aus der amerikanischen Geschichte, hier als New-Orleans-Swamp-Polonaise. „Tenth Avenue Freeze-Out“: Noch einmal das felsengrimmige Gesicht des Big Man auf der Leinwand, während eine Bläsertruppe, angeführt von Neffe Jake Clemons heute den Song umpflügt.

Die letzte Runde tanzen und mitsingen, bevor man erfriert: „Rockin’ All Over The World“ und eine Mischung aus „Twist And Shout“ und etwas „La Bamba“. Drei Stunden nimmt Bruce sein Publikum mit über die Schwelle zur Nacht. „No Surrender“ ist der Gospel für den Abend. Die frohe Botschaft: Leben heißt durchhalten.

 

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