AZ-Kritik "Klassik am Odeonsplatz" - Gegen das Schlimme in der Welt

Die Feldherrnhalle angestrahlt in den französischen Nationalfarben. "Klassik am Odeonsplatz" fand 48 Stunden nach dem Terror in Nizza statt. Foto: Marcus Schlaf

Valery Gergiev, Daniil Trifonov und die Münchner Philharmoniker am ersten Abend von "Klassik am Odeonsplatz" - die AZ-Konzertkritik.

 

München - „Es ist nicht leicht, 48 Stunden nach den Ereignissen von Nizza einen solchen Abend unbeschwert zu genießen“, sagte Dieter Reiter in seiner Begrüßung. „Wir müssen unser Leben weiterleben und unsere freiheitlichen Errungenschaften verteidigen“. Dann lobte der Oberbürgermeister die Münchner Philharmoniker als Modell für Europa und die Welt: Musiker aus 22 Nationen spielten hier einträchtig und perfekt zusammen.

Zum Gedenken an die Opfer erklang das getragene Air von Johann Sebastian Bach. Die 8.000 Besucher auf dem ausverkauften Odeonsplatz hörten mit angespanntem Schweigen zu. Anschließend begann Valery Gergiev das reguläre Programm mit einer Suite aus Peter Tschaikowskys Ballett „Schwanensee“. Dann rief Daniil Trifonov mit den donnernden Oktaven in der Introduktion von Tschaikowskys Klavierkonzert Nr. 1. dem Orchester zu: „Seht her, hier bin ich der Bestimmer!“ Aber nicht grimmig wie ein Diktator, sondern ganz lässig und sportlich. Und mit einer so unglaublichen Kraft, dass er auch ohne Verstärkung auf dem Odeonsplatz spielen könnte.

Der russische Wunderpianist verbindet hellwache Präzision mit einer einmaligen Rasanz. An schönen Stellen gestattet sich Trifonov die eine oder andere Extrem-Verzögerung. Aber er bleibt geschmackvoll und lässt die russischen Tschaikowsky-Schmalzigkeit hinter sich, weil er auch die spielerischen und grotesken Momente herausholt. Absolut hinreißend glückt ihm der Presto-Mittelteil des zweiten Satzes, den er jazzig hinwischt und trotzdem unglaublich genau spielt. Über die nicht geringen Schwierigkeiten dieses Konzerts ist Trifonov hinaus: Er spielt mit ihnen wie ein Dompteur mit dem Tiger. Als Dessert servierte er noch eine stark nachgewürzte Version der Campanella-Etüde von Franz Liszt.

Valery Gergiev: Ein Walzerkönig wird er nicht mehr

Der neue Chefdirigent der Philharmoniker betonte auch am Odeonsplatz die deutsch-russische Musikfreundschaft. Auf Tschaikowsky folgte nach der Pause eine schief zusammengenähte Suite aus dem „Rosenkavalier“ von Richard Strauss. Gergiev begann schwungvoll, um sich in der starr dirigierten Rosen-Überreichung zu verlieren. So elegant er den französisch parfümierten Dreivierteltakt bei Tschaikowsky hinlegt: Ein Walzerkönig wird er nicht mehr werden. Durch die Salons von Wien stolpert er wie ein Grobian in derben Stiefeln.

Dafür hat Gergiev andere Begabungen: eine unglaubliche Steigerung kontrollierter Ekstasen zum Beispiel. Die demonstrierte er beim „Bolero“ von Maurice Ravel. Die großartigen Bläser der Münchner Philharmoniker bewiesen ihr Können. Dass der plötzliche Abbruch des Stücks ein wenig unkontrolliert wirkte, liegt an der seltsam fahrigen Schlagtechnik des Dirigenten. Die Zugabe war auch französisch: Der Rákóczi-Marsch von Hector Berlioz.

Es war ein wunderbares Konzert, um all das Schlimme draußen in der Welt zu vergessen. Hoffen wir, dass weiter solche Abende in München möglich bleiben - ohne große Kontrollen, mit Polizeipräsenz, aber diskret im Hintergrund.

 

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