AZ-Kritik Die Eagles in der Olympiahalle in München: Perfekter Sound

Unten auf der Bühne stehen die fünf Eagles von 2019: Vince Gill, Timothy B. Schmit, Don Henley, Deacon Frey und Joe Walsh. Darüber sind die Herren auf Großleinwand zu sehen. Foto: Jens Niering

Die Eagles spielen und singen bei ihrem Konzert in Perfektion. Die Sensation aber ist der Sound in der Olympiahalle. Das Konzert in der AZ-Kritik.

 

Die große Freude, die dieser Abend am Ende bereitet haben wird, beginnt schon auf dem Weg in die Olympiahalle. Da kann man herzhaft lachen über das Fan-T-Shirt eines Zuschauers: "Eagles Farewell 2006". Wie bald sich die Band damals wieder vom Abschied verabschiedete, liest man sogleich auf den T-Shirts weiterer Gäste: Auf denen stehen "Eagles 2009" oder "Eagles 2011".

Nun strömen sie alle zum Eagles-Konzert 2019, und das ist besonders verblüffend, weil vor drei Jahren Glenn Frey gestorben ist, seit jeher Co-Leader neben Don Henley. Der ist nun das einzig verbliebene Mitglied der Urbesetzung von 1971. Mit dabei sind immerhin noch Joe Walsh und Timothy B. Schmit, die beiden stiegen 1975 und 1977 ein.

Da von den Original-Eagles also nicht mehr viel übrig ist, glaubt Don Henley, sich erklären zu müssen. Nach dem dritten Song "One Of These Nights" tritt er ans Mikrophon, doch als das Scheinwerferlicht angeht, wartet der alte Profi erst mal ein paar Sekunden: Er gibt dem Publikum Zeit, ihn mit Jubel zu begrüßen. Es sei schön wieder in München zu sein, sagt er dann erst mal. "Es hat sich noch nie so gut angefühlt, so weit weg von zuhause zu sein. Das ist alles, was ich zu diesem Thema sagen werde."

Glenn Freys Sohn Deacon singt die Songs seines Vaters 

Nach dieser eleganten Trump-Watschn kommt Henley zum eigentlichen Thema. "Die Band ist nicht mehr dieselbe", sagt er, "aber die Songs sind dieselben. Es geht jetzt um die Songs und was Sie in Eurem Leben bedeuten". Er setzt dennoch nicht ausschließlich auf das Song-, sondern auch auf biologisches Erbe: Neu in der Band ist der 26-jährige Deacon Frey, der aussieht wie sein Vater Glenn und dessen Songs bestens singt. Der andere Neuzugang wird andere Glenn-Frey-Lieder übernehmen: US-Country-Star Vince Gill, zwanzigfacher Grammy-Gewinner.

Es sei in ihrem Alter gar nicht so leicht, zweieinhalb Stunden zu spielen, sagt der 71-jährige Don Henley noch. "Aber wir werden es dennoch machen", sagt er. "Und wir werden es gut machen."

Das klingt nicht bescheiden und ist dennoch untertrieben: Die Eagles spielen nicht gut, sondern in kaum zu steigernder Qualität. Genauso, wie man es erwartet: Die Band aus L.A. hat in den Siebzigern den Countryrock zu Pop gemacht, hat alles Rauhe abgeschliffen und dazu beigetragen, die Maßstäbe für musikalische und klangliche Perfektion nach oben zu verschieben.

Dass die 14 Mann, die 2019 auf der Eagles-Bühne stehen, Musik in Vollendung bieten, überrascht also nicht. Sie alle sind Virtuosen, Gitarrist Steuart Smith etwa, der seit 2001 als Sideman dabei ist und seiner Gitarre auch Sounds entlockt, für die eigentlich die Pedal Steel Guitar erfunden wurde. Die übrigen acht Begleitmusiker, darunter fünf Bläser, die nur bei einer Handvoll Songs spielen, werden gar nicht erst vorgestellt.

Perfekter Klang in der Olympiahalle

Wie sich jede der sparsamen Noten, die sie spielen, in ein makelloses Ganzes fügt, ist sagenhaft, für den bis zu sechsstimmigen, engelsgleichen Satzgesang gilt das Gleiche. Aber die Sensation ist etwas anderes: Die Eagles spielen nicht nur, sie klingen auch perfekt – in der Olympiahalle!

Was wurde über die Akustik dieser Sportarena schon geschimpft, in Gesprächen zwischen frustrierten Rockfans und auch in dieser Zeitung. Nach diesem Konzert muss man die akustischen Bedingungen der Halle neu bewerten: Wenn absolute Spitzenkönner für den Sound verantwortlich sind wie hier, kann ein Konzert in der akustisch schwierigen Halle hervorragend klingen.

Sogar bei dem von Vince Gill gesungenen "Take It To The Limit" mit seinen ständigen Breaks ist der Hall der Arena kein Problem. Im Umkehrschluss heißt das freilich: Viele Weltstars, die in der Arena akzeptabel bis hundsmiserabel klangen, sollten sich fragen, mit welcher Soundabteilung sie eigentlich durch die Lande fahren. Der Eagles-Wohlklang beginnt in der ersten Hälfte mit ihrem mega-entspannten Country-Rock, mit dem Sound Kaliforniens, mit dem offenen Autodach von "Take It Easy" und den himmlischen Harmonien von "Lyin’ Eyes". Bei aller Schönheit würden diese soften Songs aber kein komplettes Arenakonzert tragen, deshalb wird in der zweiten Hälfte des schlüssig konzipierten Konzerts mehr gerockt.

Womit Joe Walsh ins Zentrum rückt: Der wurde 1975 in die Band geholt, um ihr mehr Schärfe zu verleihen – und der Plan geht bis heute auf. Der 71-Jährige steuert mit seinen Solonummern viele Partysongs bei, etwa "Walk Away", "Life’s Been Good", "Funk # 49" und die zweite Zugabe "Rocky Mountain Way".

"Bei Joe Walsh weiß man nie, was man bekommt, aber es ist immer gut"

Und er ist auch der Gitarrist, der die Band mit seinen wilden, improvisierten Soli zum Rocken bringt, er nimmt sich mitunter sogar eine minimal unsaubere Phrasierung raus. "Bei Joe Walsh weiß man nie, was man bekommt", so bringt es Timothy B. Schmit auf den Punkt, "aber es ist immer gut."

Auch am Höhepunkt der Show ist er beteiligt: Und das ist, eh klar, das zweistimmige Gitarrensolo von "Hotel California". Er und Steuart Smith wandeln manche Linien minimal ab, halten sich aber sehr eng an die Plattenversion – das gilt für sämtliche Arrangements der Eagles.

Nur einmal, bei "Desperado", einer weiteren Zugabe, setzt die Perfektion kurz aus. Don Henley kämpft in den unteren Lagen mit seiner Stimme, besonders am Anfang, als sie nackt neben den Klavierakkorden steht. Aber dieser kurze Einbruch des Menschlich-Fehlbaren lässt diesen besonders emotionalen Song fast noch berührender klingen.

Lesen Sie auch: The Sweet im Circus Krone - Standing Ovations von Anfang bis Ende

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihr Pseudonym sowie weitere Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading