AZ-Kritik des Musicals Dit isses: "Berlin Berlin" im Deutschen Theater

Mond- und lebenssüchtig in „Berlin Berlin“: Das Musical-Ensemble. Foto: Christian Kleiner / DT

Berührend und mitreißend: Das Deutsche Theater spielt die 20er-Jahre-Show "Berlin Berlin" von Christoph Biermeier.

 

Vielleicht quatscht unser Conférencier anfangs etwas zu lange. Aber er will uns eine frivole Einführung geben in das, was damals abging: "New York: much bigger! Paris: plus élégant! Und Berlin? Die Stadt aller Städte, die nie schläft! Und wenn sie dann doch mal schlafen, dann miteinander!" – und zwar atemlos durch die Nacht aufgemischt von Champagner und Koks, wie das der Stummfilmstar Anita Berger so exzessiv vorgelebt hat, gipfelnd in ihrem Spruch im Nachtclub Weiße Maus, wo sie nackt tanzte und die geile Männerhorde mit dem Versprechen zurechtwies: "Seid ruhig! Ich schlafe ja doch mit jedem von Euch!"

Otto Dix hat sie angezogen porträtiert, und Sophia Euskirchen spielt den Phoenix der Nacht umwerfend mitreißend, rührend, aber auch uns Bürgerliche ängstigend mit ihrer Live-fast-die-young-Radikalität.

München spießig: Faulhaber hatte noch den Auftritt von Josephine Baker verhindert

Der Krieg ist vorbei, ein Ex-Leutnant zur See eröffnet den Admiralspalast, wo die Show spielt. "Berlin Berlin!" hatte dort auch Premiere und ist jetzt ins Deutsche Theater weiter getanzt. Hier hatte der Münchner Kardinal Faulhaber 1928 noch den Auftritt der US-amerikanischen, schwarzen Tänzerin und Sängerin Josephine Baker verhindern können.

In Berlin aber war sie der exotische Star, der mit einem Gepard spazieren ging und in einer Kutsche mit vorgespanntem Vogelstrauß vorfuhr – damals ohne Tierschützerproteste, aber bald unter Pöbeleien der aufkommenden Nazis, die sie letztlich endgültig nach Paris vertrieben. Überhaupt ist es ein dramaturgisches Problem einer Unterhaltungsshow, die die kurzen "goldenen" Berliner 20er-Jahre vor der Wirtschaftskrise 1929 erneut tanzen lässt, dass wir heute rückblickend wissen, auf welche barbarische Katastrophe die Zeit steppte und zustolperte.

Eine Hakenkreuzfahne als Fallbeil-Vorhang

So riskiert dann auch Regisseur Christoph Biermeier, dass gegen Ende der Show statt des bauschigen, rotsamtenen Vorhangs plötzlich eine rote Hakenkreuzfahne wie ein Fallbeil fällt. Dazu erklingt "Irgendwo auf der Welt, gibt’s ein kleines bisschen Glück" von den Comedian Harmonists, was inhaltlich problematisch ist, weil die – auch in dieser Show hervorragend gesungen und dargestellte – erste Boygroup mit ihren jüdischen Mitgliedern Collin, Frommermann sowie Cycowski in Deutschland 1934 auch am Ende war.

"Cabaret" ist die Brücke 

Passend zu dieser aufziehenden Nazi-Drohung hat "Berlin Berlin" auch Assoziationen zum Retro-Musical "Cabaret" eingebaut, aber es gelingt Biermeier, dass wir nicht beklommen aus der Show kommen, sondern beswingt. Denn nach dem der Vorhang fällt, gibt es aus den Ruinen von Berlin 1945 einen sanft kabarettistischen Zukunftsblick: auf Mauerfall, Loveparade und Flughafen. Und so erklingt dann auch am Ende vor stehendem, applaudierendem Publikum ein bisschen heutiger Electro Swing.

Marlene zappelig, Weill arrogant, Brecht eitel

Bis dahin haben wir auch erlebt, wie Marlene (hier nicht kühl, sondern etwas zappelig) zum Superstar wurde, Weill (arrogant) und Brecht (eitel) mit der "Dreigroschenoper" einen Welthit landeten und sich der Jazz neben den damals frechen deutschen Schlager schob, weil die Baker das Motto vorgibt: "It don’t mean a thing, if it ain’t got that swing"!

Erzählung, Gesang und Tanz fließen dynamisch und organisch

In diesem Zusammenhang wäre es vielleicht angebracht gewesen, die hervorragende große Bühnenband weniger in der Kulisse zu verstecken, sondern in den Tanz auf dem Vulkan hineinzuschieben. Denn in "Berlin Berlin" gelingt es wunderbar, Erzählung, Gesang und Tanz dynamisch und organisch ineinanderfließen zu lassen und so den Zuschauer sowohl mitzureißen als auch zu rühren und zu berühren. Witzigerweise kann man auf 32 Plätzen ganz vorne auch an Tischchen sitzen, als ob man im Admiralspalast säße – überhaupt könnte man die animierende Show einfach in die Ball- und Faschingssaison hineinspielen und das Publikum mittanzen und swingen lassen.

"Berlin Berlin" zeigt, wie lange die Ära der vor genau 100 Jahren startenden 20er nachwirkt, und manche behaupten ja gewagterweise eine gewisse, brisante Parallele zu unserem Heute. Na darauf braucht man erst einmal einen verbotenen Absinth: Prost Anita, Marlene, Josephine.    

Deutsches Theater, Schwanthalerstraße, bis 19. Januar, Karten: 32 –89 Euro, Tischplatz (94 Euro), Tel.  54 81 81 81
 


 
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