AZ-Kritik Bayreuther Festspiele: Der queere "Tannhäuser"

Stephen Gould (Tannhäuser) und Elena Zhidkova (Venus) bei der Probe zur Oper "Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg". Foto: Enrico Nawrath/Festspiele Bayreuth/dpa

Tobias Kratzer und Valery Gergiev bringen bei den Bayreuther Festspielen einen besonderen "Tannhäuser" heraus. 

 

Bayreuth -Das Problem aller Inszenierungen dieser romantischen Oper ist der Venusberg, weil sich der erotische Rausch der Darstellung entzieht und als Ballett heute peinlich wirkt. Tobias Kratzer gelingt in seiner Bayreuther Neuinszenierung von Richard Wagners "Tannhäuser" dafür eine überraschend schlüssige Lösung. Getanzt wird gar nicht, und das Gefolge der Venus besteht lediglich aus dem kleinwüchsigen Blechtrommler Oskar Matzerath und einer Drag-Queen.

Tannhäuser hat es in die (schwule) Subkultur verschlagen - den womöglich allerletzten, aber auch schon gesellschaftlich eingehegten Ort der Entgrenzung. Während der Ouvertüre flieht der Minnesänger mit einer etwas billigen Blondine und ihren Gesellen mit einem Lieferwagen aus der Wartburg, bis sie mangels Benzin in einem Freizeitpark mit Märchenfiguren stranden.

Übersetzung des anarchischen Rebellentums

Das ist kein schlechtes Bild für die Trivialisierung der deutschen Romantik. Wagners Lust-Hedonismus wird mit dem trivialem Konsum von Fastfood gleichgesetzt. Und ganz schuldlos ist die Entgrenzung auch nicht: Das Trio klaut nicht nur im Namen der Anarchie, es überfährt auch einmal brutal den Wachmann eines Burgerrestaurants.

Das wirkt zwar einerseits etwas billig aus nicht mehr ganz frischen Road-Movies zusammengeklaubt, übersetzt Wagners anarchisches Rebellentum der Zeit vor 1848 aber plausibel in gegenwärtige Bilder. Am Ende des ersten Akts endet die mit viel Video (Manuel Braun) auf die Bühne gebrachte Reise vor dem Festspielhaus. Dort fängt sich Tannhäuser erst eine Ohrfeige von seiner Ex Elisabeth ein, ehe er von alten Freunden für die Hochkultur zurückgewonnen wird.

Festspiele Bayreuth: Vor 20 Jahren wäre das mutig gewesen

Die Subkultur zieht in der ersten Pause an den Seerosenteich am Fuß des Festspielhauses zurück. Dort prophezeit der Blechtrommler mit Wagner-Zitaten den Untergang alles Bestehenden, während die Drag-Queen La Gateau Chocolat mit ihrem Bass Sopranarien und Popmusik performt. Erinnerungen an Christoph Schlingensief und seine Freaks steigen auf, und angesichts begeisterter Zuschauer im Smoking denkt man sich: Vor 20 Jahren wäre das alles sehr mutig gewesen.

Danach wird die Inszenierung schwächer. Der Sängerkrieg ereignet sich in einer historisierenden Kulisse (Bühne: Rainer Sellmaier). Das patriotische Gerede des Landgrafen wird per Video gebrochen, wenn gleichzeitig Venus und ihre Leute ins Festspielhaus eindringen. Katharina Wagner ruft höchstpersönlich die Polizei. Tannhäuser wird festgenommen, während Venus die Harfe auf der Bühne mit der Regenbogenfahne schmücken kann.

Das alles ist witzig, aber auch vorhersehbar und in Kratzers Bemühen um maximale Deutlichkeit letztlich auch platt. Völlig unbewältigt bleibt der dritte Akt. Elisabeth hat auf einem Schrottplatz schlechten Sex mit Wolfram, der sich Tannhäusers altes Clownskostüm überzieht. Dann bringt sie sich um. Oder wird gar der Blechtrommler zum Mörder?

Die Erlösung ereignet sich rein musikalisch im Off

Die Erlösung ereignet sich rein musikalisch im Off, wie immer grandios gesungen vom Bayreuther Festspielchor (Einstudierung: Eberhard Friedrich). Auch sonst lässt sich die Musik nicht unterkriegen. Valery Gergiev dirigiert einen ungemein farbigen und direkten ersten Akt. Die großen Ensembles im Sängerkrieg klingen schon pauschaler, und den dritten Akt dirigiert Gergiev wie ein beliebiger Kapellmeister. Die heftigen Buhs waren trotzdem ungerecht. Und wegen der Beteiligung an diesem queeren Ereignis wird er sich in Russland einiges anhören müssen.

Kratzer hat das Wunder vollbracht, den erratischen Heldentenor Stephen Gould als Clown und Penner schauspielerisch zu erwecken. Der Sänger imponiert mit unermüdlicher Kraft, ein großer Gestalter wird er nicht mehr werden. Aber er bliebt der beste Tannhäuser weit und breit

"Tannhäuser"-Premiere: Ein buntes Statement

Dass es ihn zu Venus mehr zieht als zu Elisabeth, leuchtet in dieser Aufführung ein. Die quecksilbrig agierende Elena Zhidkova singt mit einem sehr kräftigen Mezzo unglaublich geradlinig, was bestens zur Inszenierung passt. Lise Davidsen hat eine mächtig flackernde Brünnhilden-Stimme, die mit Elisabeths Gebet und den lyrischen Passagen überfordert ist.

Das Männer-Ensemble um den nicht höhensicheren Landgrafen (Stephen Milling) ist ausgezeichnet. Das Premierenpublikum war wild entschlossen, Kratzers Inszenierung zum Kultstück zu erklären. Denn ein queerer Tannhäuser gehört heute auch in Bayreuth zum Establishment. Und das ist auch gut so, auch wenn diese Premiere mehr als buntes Statement denn als Inszenierung einleuchtet.

Lesen Sie hier das AZ-Interview mit Tobias Kratzer über "Tannhäuser"

 

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